Autonomie Gegenöffentlichkeit Mediensystem Pressearbeit Protest Selbstorganisation taktisches Medium Transparenz

  • Über die Autoren

    Avatar Image
    Avatar Image
    Avatar Image
  • #unibrennt und die Pressearbeit 2.0

    Neue Technologien in der Praxis einer zivilgesellschaftlichen Bewegung

    «Es ist absurd, aber: selbst der beste Press-Room, den Österreich je hatte, selbst die Audimax-Besetzer-Zentrale glaubte erst an sich als “unsere” Medien sie akzeptiert hatten.»
    Martin Blumenau

    Oktober 2009: Das Audimax der Universität Wien wird von Studierenden besetzt. #unibrennt, eine neue soziale Bewegung, ist geboren und dominiert mit Attributen wie «beispielloser Einsatz von Social Media» und «digitale Revolution» die Medien. Im September wird #unibrennt mit dem Prix Ars Electronica 2010 in der Kategorie “Digital Communities” ausgezeichnet. Die #unibrennt-Aktivist_innen setzen in ihrem Protest auf eine beispiellose Kombination aus modernen Kommunikationstechnologien und klassischer Medienarbeit.

    Um auf das große Medieninteresse ab dem ersten Tag der Besetzung reagieren zu können, organisierten die Aktivist_innen eine Presseabteilung. Diese betreute nicht nur die Medienvertreter_innen vor Ort, sondern auch alle anderen Kommunikationskanäle: Social Networks, Website, E-Mail Account und Pressehandy. Web 2.0-Tools wurden sowohl für die interne als auch die externe Kommunikation genutzt.

    Informationsfluss und Virtualität

    In der nicht hierarchisch organisierten #unibrennt-Bewegung war die Aufrechterhaltung des Informationsflusses eine der größten Herausforderungen. Selbstverantwortlich handelnde Arbeitsgruppen gaben ihre Informationen großteils per E-Mail an die Presse AG weiter. Kontaktadressen von Aktivist_innen, Arbeitsgruppen und Medienvertreter_innen wurden in Listen gesammelt und sowohl zur individuellen, als auch massenhaften Verbreitung von Informationen genutzt. Anonymität und Personenungebundenheit der E-Mail-Adressen von Arbeitsgruppen waren dabei von Vorteil, sie führten vor allem in der Hochphase des Protests zu hoher Flexibilität und kurzen Reaktionszeiten in der Mobilisierung. Manchmal war allerdings unklar welche Adressen noch “ansprechbar” waren und wer tatsächlich erreicht wurde.

    Vor allem zu Beginn der Besetzung unterstützte der Infotisch vor dem Audimax, den Informationsfluss zwischen den verschiedenen Arbeitsgruppen. Dieses physisch existierende Informations- und Kommunikationszentrum erleichterte auch den Einstieg neuer Aktivist_innen da Menschen, die sich engagieren wollten, hier persönliche Ansprechpartner_innen fanden. Am Ende der Besetzung war das Fehlen eines solchen Verteilungspunkts deutlich spürbar.

    Die beim Presseteam eingehenden Informationen wurden über E-Mail, Social Networks und Website, Presseaussendungen und im persönlichen Kontakt mit Journalist_innen weiterverteilt. Um den E-Mail-Verkehr zu erleichtern, halfen Adressenlisten. Gruppiert nach Kontakttypen – zum Beispiel Arbeitsgruppen und Journalist_innen – ermöglichen diese eine schnelle und gezielte Verbreitung von Informationen. Wenn Listen sehr groß werden, ist es ratsam sie in kleinere Portionen (à 300 Einträge) zu unterteilen, da manche E-Mail-Provider über Spam-Filter verfügen, die bei zu großen Massenmails den Account sperren.

    In der Presse AG wurde der Freemail-Anbieter GMail genutzt. Die gesamte E-Mail-Kommunikation wurde über einen, für alle Mitarbeiter_innen zugänglichen, Account abgewickelt. GMail bietet nicht nur einen beinahe unbegrenzten Speicher, sondern auch einen Kalender, in dem Termine und “Schichten” organisiert werden können, sowie eine Dokumentenverwaltung. In dieser können ohne großen Aufwand wichtige Informationen wie To-Do-Listen, Interview-Leitfäden und ähnliches gemeinschaftlich bearbeitet und für alle zugänglich gemacht werden. Anbieter wie GMail sind von jedem Computer mit Internetanschluss erreichbar, wodurch es relativ einfach möglich ist dezentral zu arbeiten.

    Pressebericht zu unibrennt und besetztem AudimaxORF Kamerateam bei unibrenntAG Doku und Presse AG von unibrennt in Zusammenarbeit

    DER PRESS-ROOM DER AUDIMAX BESETZER_INNEN
    ➊ Einer der unzähligen Medienberichte zum besetzten Audimax und der Neuartigkeit der Protestform von #unibrennt
    ➋ Ein Kamerateam des ORF Fernsehens interviewt einen Aktivisten im Presseraum. Die unibrennt Bewegung stellt den Wünschen der Presse und Politik zum Trotz keine Pressesprecher_in ins Rampenlicht. Interviews werden immer wieder von verschiedenen Personen übernommen, die nie als Sprecher_innen sondern als Aktivist_innen der Bewegung antworten. (Foto ©Martin Juen)
    ➌ Im «Prominentenzimmer», wie der Raum neben dem Audimax der Uni Wien heißt, arbeiten die Presse AG, die AG internationale Vernetzung, die AG IT, AG Facebook, Fotograf_innen, die AG Doku usw. zusammen. (Foto ©sAgd)

    Die Revolution der Social Networks

    Das Angebot an Social Networks im Internet ist unüberschaubar, dominiert wird der Markt aber von einigen wenigen Produkten. Die Pressearbeit im Audimax konzentrierte sich auf die Giganten des deutschsprachigen Raums. Österreichische Studierende sind vor allem in der Social Community Facebook anzutreffen, die dortige #unibrennt-Seite hatte schnell rasende Zuwachsraten. Als optimale Verbindung nach Deutschland entpuppte sich vor allem die Facebook-Konkurrenz StudiVZ, die unter deutschen Studierenden sehr beliebt ist. Große Aufmerksamkeit erregte #unibrennt auch durch den Einsatz von Twitter. Zahlreiche Aktivist_innen berichteten unabhängig von einander von der Bewegung und die Hashtags #unibrennt, #unsereuni und #audimax dominierten die deutschsprachigen Twittercharts.

    Das Potential von Social Networking-Portalen wie Facebook, StudiVZ und Twitter ist groß und im Netz finden sich dazu zahllose, bessere und schlechtere, Anleitungen. Einfacher ist es, jemanden zu finden, der schon mit den Funktionen der verschiedenen Angebote vertraut ist. Die Wartung einer erstellten Fanpage in Facebook und StudiVZ ist mit guten Internetkenntnissen dann kein Problem mehr. Erfolg in Twitter hängt vor allem von der Rezeption in der Twitter-Community und der Reichweite der beteiligten User_innen ab. Im Audimax war Twitter vor allem Mittel um Informationen schnell zu verbreiten, sowie um die deutschsprachige Blogosphäre zu erreichen. Die ersten Meldungen von Demonstrationen oder anderen Protestaktionen waren meist auf Twitter zu finden, weshalb das Portal fast ständig im Auge behalten wurde.

    unibrennt auf Facebook

    Die Facebook-Seite «Audimax-Besetzung in der Uni Wien – Die Uni brennt!» war bald Diskussions- und Informationszentrum für über 30.000 Unterstützer_innen. Regelmäßige Status-Updates zu Demonstrationen, Protestaktionen, Veranstaltungen und vielem mehr, riefen ständig die Anliegen der Protestbewegung in Erinnerung. Die große Partizipation der Unterstützer_innen machte immer mehr Facebook-User_innen auf #unibrennt aufmerksam.

    Diese relativ aufwendige Facebook-Betreuung wurde in Hochzeiten von drei oder mehr Aktivist_innen gleichzeitig durchgeführt. Bis zu fünf Aktivist_innen waren als Administrator_innen eingetragen und konnten rund um die Uhr und von überall Updates veröffentlichen. Das System der Pinnwand in Facebook, auf der alle User_innen Inhalte veröffentlichen können, verstärkte ebenfalls die Partizipation und führte zu einem, oft sehr wichtigen, Rückfluss an Informationen aus der Bewegung in die Arbeitsgruppe Presse.

    Ein wichtiger Aspekt der Audimax-Facebook-Seite war von Anfang an die Möglichkeit der Interaktion zwischen Besetzungs-Befürworter_innen und “-Gegner_innen”, die im real besetzten Audimax nicht oft erfolgte. Studierende, welche die Besetzung als Protestform ablehnten, suchten nur selten die Diskussion im besetzten Raum selbst und hatten durch die Facebook-Präsenz der unibrennt-Bewegung die Möglichkeit, ihre Kritikpunkte anzubringen oder auch einfach nur offene Fragen zu diskutieren. Die Facebook-Administrator_innen hielten sich bei Diskussionen bewusst im Hintergrund und schritten nur ein, wenn es zu Beleidigungen oder sonstigen Verstößen gegen die Netiquette kam.

    Viele “Fans” nutzten die Facebook-Seite zudem als niederschwelligen Zugang zur Auseinandersetzung mit dem Bildungsthema im Allgemeinen und den Möglichkeiten des Protests.

    Die Reichweite einer Seite in einem Social Network hängt von der Einbeziehung der “Fans” ab. Je mehr diese sich mit Kommentaren und ähnlichem beteiligen, desto öfter scheint die Seite auch bei deren “Freund_innen” auf. Eine gute Social Network-Präsenz ist immer aktuell und fördert aktiv die Partizipation der “Fans”.

    unsereuni.at – Der virtuelle Infotisch

    Neben dem physisch existierenden Infotisch vor dem Audimax in der Universität fungiert die Website unibrennt.at als zentraler Informationsverteiler. Dort präsentiert sich die Bewegung selbst, veröffentlicht Forderungen, Berichte und Fotos von Protestaktionen, Presseaussendungen und vieles mehr. Hier sind die Links zu allen mit der Bewegung zu tun habenden Webseiten zu finden, zum Wiki und den AG’s, zu unibrennt.tv, den Websites anderer brennender Unis und vieles mehr. Der Einsatz des Content-Management-Systems WordPress ermöglicht eine schnell zu erlernende Wartung und eine optimale Vernetzung der Inhalte mit den Social Networks. Die Einschulung von neuen AktivistInnen in allen verwendeten Kommunikationsmitteln dauert in der Regel nicht länger als eine halbe Stunde.

    Um eine funktionsfähige und flexible Website auf die Beine zu stellen, sind Expert_innen unabdingbar. In den ersten Tagen von #unibrennt wurde durch die IT AG, einige Aktivist_innen mit Programmierkenntnissen, Tag und Nacht daran gearbeitet, eine Infrastruktur und Plattform der Größenordnung aufzubauen, wie sie sonst von Professionisten über die Entwicklungszeit eines guten halben Jahres entwickelt würden. In der Bewegung mit der Beteiligung vieler junger Studierender stellt das Erweitern der Funktionalität der unsereuni.at Plattform kein Problem dar.

    Neue Medien und traditionelles Pressehandwerk

    Eigene Onlinekanäle bieten ein Portal für die Öffentlichkeit und schaffen neben dem Informationsaustausch auch eine Unabhängigkeit und Gegenöffentlichkeit zu traditionellen Medien wie Fernsehen, Hörfunk oder den Printmedien. Doch um eine möglichst große Zielgruppe und Öffentlichkeit zu erreichen darf auch die traditionelle Pressearbeit nicht vernachlässigt werden. Journalist_innen stehen meist unter Zeitdruck und in Zeiten der Onlineberichterstattung sind sie auf schnelle und aktuelle Informationen angewiesen. Ständige, persönliche Erreichbarkeit ist eine wichtige Voraussetzung, wenn man im Mediengeschehen eine Rolle spielen möchte. Ab dem ersten Tag wurde das Pressehandy zum ständigen Begleiter der Studierenden der Presse AG, um für Medienvertreter_innen jederzeit schnell und unkompliziert erreichbar zu sein.

    Bei großen sozialen Bewegungen ist es unmöglich stets über jeden Schritt der Akteur_innen und jedes Einzelereignis informiert zu sein. Die Studierenden in der Presseabteilung standen immer wieder vor der Herausforderung Fragen beantworten zu müssen, ohne alle Details zu kennen. Auch aufgrund der basisdemokratischen Organisation konnten manche Fragen einfach nicht konkret beantwortet werden, da Entscheidungen noch ausstanden.

    unibrennt.tvunibrennt plena livestreamAG Doku und Presse AG von unibrennt in Zusammenarbeit

    DIE BEWEGUNG LIEFERT DIE BILDER UND VERWALTET DAS EIGENE ARCHIV
    ➊ Mit «unibrennt.tv» hat die Bewegung einen eigenen TV-Kanal und das Archiv über selbst produzierte Info-Sendungen, Dokumentation von Aktionen, Berichte von Demonstrationen. Und jede und jeder kann Videos hochladen.
    ➋ Ob die Unileitung zu Gast ist, das Plenum läuft oder Jean Ziegler eine Rede im Audimax hält, die Bewegung streamt live ins World Wide Web und zeichnet alles selbst auf.
    ➌ Der eigene flickr-Account von unibrennt kommt in den Besetzungmonaten auf Hunderttausende Aufrufe. Er wird von mehreren Fotograf_innen befüllt und bietet Fotoalben zu Besetzungen, Demos und Aktivitäten in diversen Universitätsstädten.

    Auch Journalist_innen sind sich bewusst, dass es in solchen Bewegungen ohne Führungsriege unmöglich ist jederzeit über alles informiert zu sein. Besorge dir intern die notwendigen Informationen und ruf den/die Journalist_in zurück – das ist gängige Praxis und kein Grund verunsichert zu sein. Von einer guten Beziehung zwischen Presseabteilung und Journalist_innen profitieren beide Seiten. Dennoch sollte nicht vergessen werden in Gesprächen die offiziellen von den inoffiziellen Informationen zu trennen – so können Missverständnisse vermieden werden.

    Informationen schnell in die Medien gebracht

    Mit Presseaussendungen kannst du den Medien Neuigkeiten und Ankündigungen mitteilen. Bei gut geschriebenen Aussendungen mit einem hohen Nachrichtenwert steigen die Chancen, dass sie für die Berichterstattung übernommen und (online) schnell veröffentlicht werden. Auch Presseaussendungen werden heute per E-Mail versandt und zwar direkt als Mailtext, denn das erspart das Öffnen des Anhangs und die Gefahr im Spamfilter zu landen wird verringert. Im Betreff sollten die versendende Organisation und ein aussagekräftiger Titel stehen.

    «#unibrennt: BesetzerInnen bieten Umzug ins Parlament an.»
    (Beispiel einer Betreffzeile, so versandt am 8.12.2009)

    Journalist_innen bekommen jeden Tag unzählige E-Mails: Je aussagekräftiger der Titel, umso größer die Wahrscheinlichkeit, dass die/der betreffende Journalist_in die Nachricht auch liest. Beim Versenden von E-Mails an größere Verteiler sollten die Adressen stets als BBC versandt werden. Erfolgreiche Pressearbeit beinhaltet eine Kombination von Web 2.0 und klassischen PR-Mitteln. So wird eine große Öffentlichkeit erreicht.

    Presseaussendungen wurden meist von zwei bis drei Mitgliedern der Presse AG geschrieben. Dies ist zwar unüblich, aber basisdemokratische soziale Bewegungen, in denen es keine verantworlichen Führungspositionen und keine offiziellen Sprecher_innen gibt, sollten als Sonderfall behandelt werden. Räumliche Trennung war hierbei kein Problem, da Onlineanbieter wie Pirate Pad ein gemeinsames Arbeiten an einem Text problemlos ermöglichen: So können mehrere Personen gleichzeitig ein Dokument bearbeiten und jede_r hat zeitgleich die Vorschläge der Anderen und die aktuelle Version vor sich. War dies zeitlich nicht möglich wurde ein aufgesetzter Textvorschlag per E-Mail an andere Mitglieder der Presse AG versandt und um Verbesserungsvorschläge gebeten.

    War die Presseaussendung versandt, galt es die Medienreaktionen abzuwarten. Eine Evaluierung der Pressearbeit ist essentiell, um sie verbessern und anpassen zu können. Täglich wurde ein Medienspiegel zusammengestellt, welcher die Online-Berichterstattung in Zeitungen und Weblogs beinhaltete. Um schnell auf Aussagen politischer Akteur_innen reagieren zu können, wurden die Medien und OTS-Meldungen stets im Auge behalten. Das Zusammenstellen des Medienspiegels diente nicht nur der Evaluation, sondern war auch ein wichtiger Beitrag zur Archivierung und chronologischen Nachvollziehbarkeit der Ereignisse.

    Kooperationen mit Fotograf_innen und Videojournalist_innen

    #unibrennt arbeitet bis heute mit professionellen Fotograf_innen und Videojournalist_innen zusammen. Sie hatten während der Besetzung uneingeschränkte Film- und Fotografiemöglichkeiten innerhalb der Bewegung, wir durften im Gegenzug kostenlos ihre Werke nutzen. Die Fotos wurden auf Flickr, die Videos auf YouTube veröffentlicht.

    Von einer guten Zusammenarbeit mit Fotograf_innen und Filmemacher_innen können beide Seiten profitieren: Bei Anfragen von Journalist_innen nach Fotos und Videomaterial muss immer auf die Urheberrechte verwiesen und das Copyright beachtet werden. Einen direkten Kontakt zu den Urheber_innen herzustellen ist empfehlenswert.

    Interne Organisation und Kommunikation

    Auch eine basisdemokratische Bewegung braucht Menschen, die sich dafür verantwortlich fühlen, dass die offiziellen Kanäle genutzt und mit Informationen versorgt werden. In der #unibrennt Presseabteilung wurde dies durch ein Koordinations-Team sichergestellt, das stets den Überblick behielt. Ein (wechselndes) Koordinations-Team ist von Vorteil und stellt einen internen reibungslosen Ablauf sicher. So wird keine Aufgabe vergessen und die Öffentlichkeit optimal informiert. Um die wichtigsten internen Informationen austauschen zu können fanden regelmäßige Meetings statt, die telefonische Erreichbarkeit der einzelnen Presse AG Mitglieder ermöglichte eine schnelle und zuverlässige Kommunikation.

    Das Plenum im Live-Stream

    Eine der großen und schnell bekannt gewordenen “Neuheiten” der #unibrennt-Bewegung war die Übertragung aller wichtigen Ereignisse ins Internet via Live-Stream. Dies begann bei den Plena und ermöglichte tausenden Unterstützer_innen, die nicht physisch vor Ort sein konnten, die Diskussionen und Entscheidungen zumindest zu verfolgen. Bald war der Live-Stream ständiger Begleiter, bei Konzerten und Diskussionsveranstaltungen, Demonstrationen und Protestaktionen. Diese beinahe lückenlose Öffentlichkeit der Bewegung war nicht von allen gern gesehen und führte oft zu hitzigen Diskussionen. Regelmäßig setzte sich dabei aber die Meinung durch, dass ein authentischer und autonomer Zugang zu Öffentlichkeit für #unibrennt von essentieller Bedeutung war. Auch die im Lauf der Zeit schwindende Beteiligung an den Plena wurde von manchen auf die Übertragungen zurückgeführt, schließlich konnte man alles auch bequem von zu Hause verfolgen.

    Trotz aller Kritik verbreitete sich das Phänomen Live-Stream aber weit über #unibrennt. hinaus Die Aktivist_innen setzten einen Live-Stream beim ministeriellen Hochschuldialog durch und auch viele andere “offizielle” Veranstaltungen seitdem werden regelmäßig ins Internet übertragen.

    Besondere Synergien entstehen, wo alte Methoden mit neuen Technologien verknüpft werden. Persönliche Kommunikation bleibt zwar entscheidend für soziale Bewegungen, kann aber durch neue Technologien wie die Internettelefonie kostenneutral über internationale Grenzen hinweg stattfinden. Programme wie Skype unterstützen auch Videotelefonie und Konferenzschaltungen. Einige der intensivsten Momente der #unibrennt-Bewegung waren Videokonferenzen zwischen besetzten Hörsälen in verschiedenen Ländern. Je besser die Vernetzung zu anderen Organisationen oder Bewegungen war, desto einfacher war auch der Informationsaustausch. Ein gutes internes Kommunikationsnetz war deshalb von entscheidender Bedeutung.

    Pressebericht zu unibrennt und besetztem AudimaxFacebook Seite AudimaxDie unibrennt Website in den ersten Stunden und Tagen, das Freie Bildung Blog

    PRÄSENZ & TRANSPARENZ IM WEB, EINE STÄRKE AB DER ERSTEN MINUTE
    ➊ Tweets aus den ersten Tagen der Besetzung des Audimax. Über Twitter verlinkt und mit Mobiltelefonen aufgenommen, gelangen sofort erste das Geschehen dokumentierende Live-Streams und Fotos nach Außen.
    ➋ Wenige Minuten nach dem Beschluss, das Audimax besetzt zu halten, geht bereits die Facebook-Seite der Besetzung online und wird zu einem Kommunikationskanal der Bewegung.
    ➌ Die provisorische unibrennt Website der ersten Stunden, das «Freie Bildung» Blog. Noch in den ersten Tagen geht «unsereuni.at» ans Netz und wird binnen kurzer Zeit zu einer höchst gerankten Website.

    Zusammenfassung

    Es verwundert, dass der erfolgreiche Einsatz neuer Technologien die Öffentlichkeit und die bildungspolitischen Verantwortungsträger derart überraschte. #unibrennt war der erste große Protest einer Studierendengeneration, für die das Internet allgegenwärtig ist und diverse Web 2.0-Tools alltägliche Kommunikationsmittel sind. Studieren ist ohne E-Mail und E-Learning-Plattformen, Facebook und Twitter nicht mehr vorstellbar. Jede Generation bedient sich der Mittel, mit denen sie aufgewachsen ist, und so setzten junge Studierende auch im Protest stark auf neue Kommunikationstechnologien. Die Aktivist_innen von #unibrennt waren aber stets bemüht, neue Technologien mit bewährter klassischer Pressearbeit zu verbinden.

    Facebook, Twitter, GMail und andere können die Arbeit zivilgesellschaftlicher Bewegungen erleichtern und ihre Reichweiten beträchtlich erhöhen. Kundige Aktivist_innen sind in der heutigen Zeit einfach zu finden. Bei aller Begeisterung für neue Technologien sollte aber die klassische Pressearbeit nicht vergessen und der Wert persönlicher Kommunikation nicht unterschätzt werden.

    • Verschiedene E-Mailverteiler, sortiert nach Themen/Ressorts ermöglichen eine zielgerichtete Arbeit. Haltet die Verteiler aktuell, versucht sie zu erweitern, tragt aber auch Personen aus, die keine Emails mehr bekommen wollen.
    • E-Mails an mehrere Empfänger als BBC verschicken.
    • Eine enge und funktionierende Vernetzung ist Voraussetzung für eine erfolgreiche Arbeit, sowohl im Team und zwischen Aktivist_innen als auch mit Journalist_innen.
    • Lade Fotograf_innen zu Aktionen ein, haltet sie mit Ankündiungen am Laufenden und stellt ihnen nach Möglichkeit vorort Internetzugang, Speicher- und Bearbeitungsmöglichkeiten für ihr Material zur Verfügung. Von einer guten Beziehung mit Fotograf_innen profitieren alle Seiten.
    • Virtuelle und Online-Kommunikation nach innen und außen reicht nicht aus: Persönliche Kontakte und Zusammenarbeit ist wichtig.
    • Interne Informationen werden nicht nach außen gegeben. Offenheit und Ehrlichkeit fördern das Vertrauen zu Journalist_innen, noch wichtiger ist aber, dass innerhalb der Gruppe der Aktivist_innen vertrauenswürdige Kommunikation gesichert ist.
    • Urheber- und Persönlichkeitsrechte bei Film- und Fotomaterial sind nicht auf die leichte Schulter zu nehmen.