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  • fluegel.tv

    Als uns in Stuttgart ein taktisches Medium passiert ist

    «Taktische Medien sind nie perfekt, sie sind immer involviert, agieren konkret und pragmatisch, und das unterscheidet sie wie sonst kaum etwas von etablierten Medien.»
    Das ABC der Taktischen Medien

    Der Widerstand gegen S21 verändert Stuttgart unumkehrbar. Das wird bleiben. Ob S21 nun jemals fertig gebaut werden wird oder nicht. Wir sind selbst Teil dieser Veränderungen geworden. Angefangen hat das Anfang August 2010 mit der spontanen Eingebung von Robert, seine Büro-Webcam in das Fenster zu stellen und in die Richtung auf den Stuttgarter Hauptbahnhof zu drehen. Die Webcam beginnt das heftig umstrittene Geschehen vor Ort zu dokumentieren und einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen, 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche. Die Webcam blickt auf den Nordflügel des Bahnhofs, der zu diesem Zeitpunkt gerade mit einem Bauzaun versehen wird. Dieser Nordflügel soll heftigsten Bürgerprotesten zum Trotz abgerissen werden. An seiner Stelle will die Deutsche Bahn das lang geplante und ebenso lange umstrittenen Bahnprojekt «Stuttgart 21» (S21) realisieren: ein prestigeträchtiger unterirdischer Eisenbahnknoten mitten in Stuttgart.

    Das Interesse an den Live-Bildern ist enorm: Zu Spitzenzeiten schalten sich bis zu 500.000 Zuseher aus sämtlichen Regionen der Erde zu, darunter viele Exil-Stuttgarter. Der Internet-Sender «fluegel.tv» ist geboren – und wächst rasch zu einem Sprachrohr der zivilen Protestbewegung gegen Stuttgart 21. In den Büroräumlichkeiten von Robert Schrems Multi-Media-Agentur gehen in den folgenden Monaten rund 20 Mitwirkende aus und ein, die alle zusammen das engagierte ehrenamtliche Projekt am Leben erhalten.

    Enstehung eines Fernseh-Senders by accident

    Die erste Kamera, die Robert im Fenster 43 Metern Luftlinie gegenüber dem Nordflügel installiert, ist eine Foto-Webcam. In kurzen Zeitabständen aktualisiert sie das Bild der Szenerie, sichtbar auf einer eigens eingerichteten ersten Website. Am 5. August 2010 veröffentlicht Robert die Webadresse mit dem Eintrag «Webcam auf den Nordflügel: www.schrem.eu/webcam» auf einer der wichtigsten Kommunikationsplattformen der Stuttgarter Protestbewegung, dem Parkschützerforum. Gleich in den ersten Tagen geht der Server aufgrund der hohen Zugriffszahlen in die Knie. Das “Nordflügel-TV” wird auf die Server von ustream.tv übersiedelt, einer Web 2.0 Plattform, über die schon ein dreiviertel Jahr früher viele unibrennt Live-Streams gelaufen sind. Die Foto-Webcam wird gegen zwei Live-Stream Kameras ausgetauscht, die von da an das Geschehen ununterbrochen per Videostream mitverfolgbar machen. Diesen Entwicklungen folgt bald eine eigens neu gestaltete Website, seither unter der Adresse fluegel.tv zu finden.

    Das Team von fluegel.tv filmt und streamt eine der unzähligen KundgebungenMit dem Bollerwagen am Schwarzen Donnerstag immer auf Sendung.Das Talk-Format «Auf den Sack» bei fluegel.tv mit Aktivisten der Parkschützer.

    DOKUMENTATION DES GESCHEHENS UND DISKUSSION DER HINTERGRÜNDE
    ➊ Das Team bei einer Kundgebung. Es wird nicht nur live gestreamt sondern auch aufgezeichnet. Alles ist nachzusehen, auf der Website oder auch im vimeo-Kanal von fluegel.tv.
    ➋ Eine wichtige Rolle spielt der Bollerwagen. Der auch im Parkgelände sehr mobile Ü-Wagen war am schwarzen Donnerstag mit uns die ganze Zeit im Einsatz.
    ➌ Das Talk-Format «Auf den Sack» bringt verdichtete Debatte, Hintergrundinformationen, die Perspektiven der verschiedenen Akteure, aber auch Analyse von Beobachter_innen.

    Als sich die Gerüchte mehren, dass mit dem Beginn der Abrissarbeiten am Nordflügel jeden Tag zu rechnen ist, steigen nicht nur die Zugriffszahlen des Livestreams an, auch die Anzahl laufend auf dem Gelände vor dem Nordflügel ausharrender, wachsamer Bürger_innen nimmt ständig zu. Bei einem zufälligen Treffen im Zuge einer Demo entsteht die Idee, neben dem Live-Stream noch etwas mehr für die Dokumentation der Geschehnisse in Stuttgart zu machen. Wir, Robert und Putte, kannten uns bereits ein wenig von früher. Jetzt sagten wir, «komm, wir drehen die Webcam um und laden Gäste zum Interview ein».

    Die Idee zu «fluegel.tv» als Sendungsformat mit Interviews, Live-Berichterstattung und Studiodiskussionen nimmt Gestalt an. Putte, der sich als Moderator anbietet, war bereits Mitbegründer der Initiative «Unsere Stadt – Stuttgart gestalten!». So wie viele andere waren wir in diesen Tagen an der aktiv gelebten Demokratie interessiert, die sich da quer durch die Stadt Raum zu nehmen begann. Und wir waren mit vielen anderen enttäuscht über die verhältnismäßig einseitige Berichterstattung der etablierten Massenmedien: «Weil das Fernsehen überwiegend so enttäuscht, machen wir jetzt halt unseren eigenen Fernsehsender auf: Flügel TV. Der einzige Sender der Welt, der 24h am Tag nur über S21 berichtet.» Dem ersten Aufruf im Parkschützerforum mit der Aufforderung «Wer hat Lust mitzumachen? Wir brauchen Redakteure, Kameraleute, Regie…» schließen sich Medienschaffende aus der Stadt und dem weiteren Umfeld spontan an, das Projekt mit hochwertigem Equipment und ehrenamtlichen Engagement unterstützend. Binnen kürzester Zeit wird eine geradezu professionelle Infrastruktur auf die Beine gestellt, alles in kollaborativer Selbstorganisation. Ein Studio für Talkrunden wird eingerichtet und fluegel.tv bekommt einen Übertragungswagen.

    Der “Auf den Sack” – Talk

    Am 4. September 2010 findet die erste Talkrunde im Studio von fluegel.tv statt. Während die «live: webcam nord» am Fenster weiter auf den Nordflügel gerichtet bleibt, wird aus dem Raum schon zur ersten Sendung ein kleines professionelles TV-Studio. Eine Sitzecke mit gespendeten, modischen bunten Sitzsäcken wird eingerichtet. Die ersten Gäste der Diskussionsreihe «Auf den Sack» sind der bekannte Schauspieler und bekennende S21-Gegner Walter Sittler und Hannes Rockenbauch, der als früher Besetzer des Nordflügels einige Bekanntheit erlangt hat. Für die Sendung arbeitet ein frisch zusammengewürfeltes Team. Ein Unterstützer kommt etwa mit Licht und Kamera angereist. Hinter den zwei Kameras haben Profis Stellung bezogen. Die Ausstattung der ersten Sendung umfasst auch schon eine Tonabteilung samt digitalem Tonmischpult. Das gesamte Team zählt bereits mit dem ersten Sendungsdurchlauf sieben Personen. Der Zuspruch zu dieser Premiere ist so groß und positiv, dass all diese Beteiligten, die sich zu diesem Zeitpunkt untereinander noch nicht wirklich kennen, unbedingt weiter machen wollen.

    Im Herbst entstehen auf diese Art und Weise sieben «Auf den Sack» Sendungen, immer zum Thema Stuttgart 21, und immer unter dem Vorzeichen, die offene Diskussionen mit inhaltlicher Tiefe, ohne Polemik und ungehetzt zu ermöglichen. Die Sendungsdauer wird vorab nie zeitlich begrenzt, die Aufzeichnung wird nicht geschnitten und es kommen Expert_innen, Befürworter_innen und Gegner_innen des Bahnprojekts zu Wort. Um das übliche Talkshow-Gezetere zu vermeiden, vermied man das Aufeinandertreffen beider Lager.

    Stuttgart 21 – ein Bahnhof zwischen Stadtentwicklung und Megaloprojekt

    1994 werden der Öffentlichkeit erstmals Pläne vorgestellt, die oberirdische Kopfbahnhofanlage des Stuttgarter Bahnhofs in einen unterirdischen Durchgangsbahnhof umzubauen. Von Anfang an ist das Prestige-Projekt aus zahlreichen Gründen umstritten. Kritisiert werden etwa die hohen zu veranschlagenden Kosten für einen Umbau, die in kaum sinnvoll argumentierbarem Verhältnis zum Nutzen stehen würden; Kosten, die zu größten Teilen von den Steuerzahler_innen zu tragen sind. Diskutiert werden auch die umweltbelastenden Faktoren, die Zerstörungen in einem funktionierenden Herzstück der Stadt, des 600 Jahre alten Stuttgarter Schlossgarten. Einig sind sich Gegner_innen wie Befürworter_innen nur in dem Punkt, dass der alte Bahnhof einer Modernisierung bedarf. Die Form, in der die Modernisierung erfolgen soll, wird nie zur öffentlichen Debatte mit offenen Ausgang der Entscheidungsfindung gestellt. Stattdessen werden die Pläne zum Bau ohne Zulassen jeglicher Bürgerbeteiligung vorangetrieben. 2007 wird die Initiative für ein Bürgerbegehren trotz mehr als 60.000 Unterschriften für unzulässig erklärt. «Ausgetrickst und abgekanzelt» werden die Bürger_innen, befindet «Die Zeit» in einer Reportage. Von November 2009 an gehen bei den Montagsdemos regelmäßig Tausende auf die Straße, um gegen die Pläne für einen Bahnhofsneubau unter der Erde zu protestieren.

    Als die Bauarbeiten im Sommer 2010 ohne Berücksichtigung der zahlreichen Gegenstimmen begonnen werden, finden sich zehntausende Menschen zu regelmäßigen Demonstrationen und Kundgebungen vor Ort ein, um ihren Park, ihre Bäume und ihren Bahnhof zu schützen. Am 30. September 2010 wird mit heftiger Polizeigewalt und Wasserwerfern gegen eine angemeldete Demonstrantion von Schüler_innen und viele weitere Demonstrierende vorgegangen, die das Fällen von Bäumen verhindern wollen. Das Vorgehen der Verantwortlichen an diesem Tag erlangt schnell traurige Berühmtheit. Die Bilder bürgerkriegsähnlicher Szenen verbreiten sich medial und im Netz wie ein Lauffeuer – und lösen eine breite Welle der Empörung aus. Unter dem Chiffre und Hashtag #S21 verbreitet sich die Kunde vom Großbauprojekt der Deutschen Bahn und dem breiten Widerstand dagegen nicht nur auf Twitter weltweit.

    Fluegel.tv entsprang anfänglich nicht dem Anspruch und hatte nicht das strategische Konzept, ein alternatives Medienprojekt in Opposition zu Mainstream-Medien sein zu wollen. Das Projekt ist aufgrund der Umstände und Geschehnisse in Stuttgart entstanden und nicht mehr als die Antwort auf eine konkrete Situation zu einem konkreten Zeitpunkt. Dementsprechend unsystematisch stellen sich die gesendeten Formate dar. Bis auf wenige Ausnahmen wird spontan entschieden, was gemacht wird. Die rund 20 Aktiven organisieren sich basisdemokratisch und meist über einen gemeinsamen E-Mail-Verteiler. Jeder kann Vorschläge einbringen oder Einspruch erheben. Nicht gehört wird nur, wer schweigt. Entschieden wird auf diese Weise: was gemacht wird, wer Zeit hat und wer gerade welche Position übernehmen kann. Sind die Fragen rund um Projektleitung, Kamera, Ton, Moderation oder andere Notwendigkeiten geklärt, wird auch schon umgesetzt. Während sich öffentlich rechtliche und private Sender an Sendezeiten zu halten haben, bleiben bei fluegel.tv Sendungen ungeschnitten und oft auch auch unkommentiert. Unsere Idee hinter dieser Praxis ist, der demokratischen, selbstverantwortlichen Entscheidungsfindung Material und Unterstützung zu geben.

    Spezialanfertigung fluegel.tv-Übertragungswagen

    Eine wesentliche Erweiterung unseres Aktionsradius erfolgt durch die Einrichtung einer mobilen Sendungseinheit, unseres verehrten Boller-Ü-Wagens. Zu diesem Zweck wurde ein klassischer Leiterwagen mit Autobatterien, Laptop, Funkantenne und Kamera bestückt – und direkt an den jeweiligen Schauplatz gefahren. Damit haben wir die Möglichkeit, Aktionen und Kundgebungen direkt vor Ort zu begleiten, Interviews auf der Straße zu machen und parallel live zu streamen. Beim ersten Boller-Ü-Wagen-Ausflug zu einer der wöchentlichen Samstagsdemos haben uns die installierten UMTS Richtfunkantennen noch deutlich auf ihre technischen Grenzen hingewiesen. Aber auch dieses Problem war Dank des kollaborativen Geistes, der dieser Tage in Stuttgart herrscht, bald gelöst. Ein S21-Demonstrant und Funkstreckenexperte hatte unsere mobile Übertragungseinheit und unsere technischen Schwierigkeiten beim ersten Einsatz bemerkt. Was macht er? Er meldet sich kurzerhand per E-Mail, bietet seine Hilfe an mit seiner Unterstützung bekommen wir eine Funkstrecke hin. Die anfänglichen Übertragungsprobleme hat fluegel.tv ab diesem Zeitpunkt minimiert.

    Im September 2009 liefert fluegel.tv stundenlange Übertragungen direkt aus dem Stuttgarter Schlosspark und der Bahnhofsgegend. Die Frequenz der Demonstrationen und die Anzahl der Demonstrant_innen nehmen zu, auch das Echo im Web und in den Massenmedien explodiert. Stuttgart 21 wird zu einem medialen Großereignis. Über das Internet verfolgen tausende Menschen, was sich auf der Kundgebungsbühne tut. Wir begleiten die Demonstrationen und versuchen, mit dem fluegel.tv-Stream einen möglichst umfassenden Eindruck der Szenerie und der Vorgänge zu einzufangen. Zwischendurch interviewen wir, wen wir treffen, “Open Mike” für alle, die etwas zu sagen haben. Essen und Getränke erhalten wir auf unseren stundenlangen Streifzügen von wohlgesonnenen Passant_innen.

    Am 30. September 2010 sind Hundertschaften der Polizei aus der ganzen Republik rund um den Schloßgarten zusammen gezogen. Am Vormittag gibt es noch eine genehmigte Demonstration von Schüler_innen. Es kommt zu dem berühmt-berüchtigten Polizeieinsatz, der schon untertags zu der bekannt schockierenden Eskalation führt. Wir sind an diesem Tag ganze 18 Stunden durchgehend live auf Sendung, als die ersten der jahrhundertealten Bäume gefällt werden. Mehrere Zehntausend sind per Live-Stream zugeschalten. Der «Schwarze Donnerstag» dauert bis 5 Uhr morgens und fesselte bis ganz zuletzt immer noch 400 Zuseher, die das Geschehen per Livestream bis ins Morgengrauen mitverfolgten.

    Zum Zeitpunkt dieser Geschehnisse ist fluegel.tv bereits bei nahezu allen großen Medien Deutschlands als Informations- und Bilderlieferant rund um die zivile Widerstandsbewegung S21 etabliert und lange nicht mehr nur auf die regelmäßigen Zuseher_innen aus der regionalen Zivilgesellschaft beschränkt. Während der heißen Phase im Herbst kommt es laufend zu An- und Nachfragen von Journalisten aus dem Bereich der Print-Medien wie TAZ und Tagesspiegel, aber auch von TV-Sendern wie beispielsweise 3Sat, Phoenix, ZDF oder dem SWR, der zeitweise die fluegel.tv-Webcam sogar live auf seiner Website einband. Das aufgezeichnete Video-Material der allerersten Stunden wird auf Nachfrage für viele Sender kostenlos freigegeben und von RTL bis N24 ohne Logo verwendet. Die wohl ungewöhnlichste Anfrage, die je stattgefunden hat, kam von der Kriminalpolizei. Bei einer Demo hatte es einen Unfall gegeben und so wurde angefragt, ob wir davon zufälligerweise Aufzeichnungen hätten. Die Bilder dieses Tages sind wir gemeinsam durchgegangen und konnten tatsächlich Aufnahmen von der Unfallstelle entdecken.

    Die Dokumentation der Schlichtungsgespräche

    Im Oktober nach dem schwarzen Donnerstag werden “Schlichtungsgesprächen” zwischen den Gegner_innen und Befürworter_innen des Bahnhofprojekts unter der Leitung des Ex-CDU-Generalsekretärs Heiner Geißler ausverhandelt. Fluegel.tv erhält die Zusage, die sechs Schlichtungsrunden ab dem 22. Oktober live übertragen zu können. Als drei Tage vor dem Termin die Zusage zurückgezogen wird und nur der Südwestrundfunk (SWR) und PHOENIX zugelassen werden sollen, kommt es zu einem Aufstand der «Parkschützer». Unter anderem wird die Protestmeldung auf parkschuetzer.de innerhalb weniger Stunden knapp 500 Mal kommentiert, mit unmissverständlich einhelligem Tenor. Die Solidarität ist erstaunlich. Auf Grund des deutlichen Protestes innerhalb der Protestbewegungung wird die Entscheidung einen Tag später zurückgenommen und fluegel.tv kann übertragen. Wir sind auch die einzigen, die mit einer eigenen Kamera filmen dürfen. Wir bekommen sogar gleichzeitig das Signal von PHOENIX. Hier war zu merken, dass der Druck von der Basis, von unten, von der Parkschützerseite doch einiges bewirkt und verändern kann. Der Zuspruch wird zudem via Twitter und vor allem Facebook sichtbar.

    In der Facebook-Gruppe von fluegel.tv und noch mehr auf Seiten wie «KEIN Stuttgart 21» kommentieren und diskutieren Hunderte und Tausende nicht nur die Vorbereitung, die Debatten und die Ergebnisse der Schlichtungsgespräche. Die vielseitige Protestbewegung betreibt zudem noch diverse Websiten und Foren, neben den schon genannten Parkschützern auch unsere-stadt.org oder K21 mit dem «Ja zum Kopfbahnhof». Hier wie dort werden die Live-Streams verlinkt und Videos eingebettet, hier wie dort werden unsere Ansuchen um Unterstützung etwa zum Cutten oder für Materialbedarf weitergeleitet und unterstützt. Feedback erreicht uns des weiteren oft per E-Mail, darunter immer wieder solches von S21-Befürwortern, die sowohl ihre Anerkennung für unsere Unabhängigkeit als auch für die Übertragungen an sich ausdrücken. Anfragen und Themenvorschläge für Sendungen, Ideen zu Kooperationen und Außenstellen erreichen uns laufend über alle möglichen Kanäle.

    Podiumsdiskussion zum Untersuchungsausschuss im Gefolge des «Schwarzen Donnerstag».DieZeit titelt «Ausgetrickst und abgekanzelt».Die Dokumentation «Stuttgart 21 – Denk mal!» mit Material von fluegel.tv. 

    DIE ANGST DER POSTDEMOKRATIE VOR AKTIVEN BÜRGERINNEN
    ➊ Putte bei der Podiumsdiskussion zum Untersuchungsausschuss, der die Vorgänge rund um den «Schwarzen Donnerstag» aufarbeiten sollte: «Die Entscheidung fiel im Staatsministerium».
    ➋ «Ausgetrickst und abgekanzelt», die DIE ZEIT beschreibt «Wie Politiker aktiv verhinderten, dass die Bürger beim neuen Stuttgarter Bahnhof mitbestimmen».
    ➌ Passagen aus dem bei fluegel.tv gewonnenen Material ist in die Dokumentation «Stuttgart 21 – Denk mal!» eingeflossen, die ein chronologisches Portrait und Stimmungsbild rund um den Bürgerprotest gegen das Projekt Stuttgart 21 eingefangen hat.

    Obgleich die Entstehung des Senders dem Zusammenschluss einiger S21-Kritiker zu verdanken ist, herrscht unter den Aktivist_innen von fluegel.tv große Einigkeit darüber, dass eine möglichst weitreichende Eigenständigkeit bestehen bleiben muss. Es gibt keine direkten wirtschaftlichen oder politischen Abhängigkeiten, der Sender arbeitet allein mit Spenden, ehrenamtlichem Engagement und der Selbstorganisation der Aktiven. Die benötigte Ausrüstung wurde zum Teil gespendet, zum Teil selber gestemmt und manchmal von Gönnern und Unterstützern ausgeliehen, um vor allem eine wirtschaftliche Unabhängigkeit sicherstellen zu können.

    In der Gruppe der Aktiven bei fluegel.tv bemühen sich alle um neutrale Äquidistanz zu anderen Personen und Gruppen der Protestbewegung. Selbstverständlich kennen viele der Beteiligten die verschiedene Protagonist_innen aus unterschiedlichen Gruppierungen der Protestbewegungen. Direkte Zusammenschlüsse, Treffen oder Abstimmungen mit anderen Menschen rund um die Protestbewegung finden nicht statt. Koordiniert wird fluegel.tv ausschließlich teamintern und wir agieren nicht strategisch in der Protestbewegungung, sondern konzentrieren uns auf die konkrete Umsetzung von Sendungen. Nicht wenige der Mitwirkenden sind zudem Profis der Fernsehproduktion, einige arbeiten hauptberuflich beim SWR und sind entsprechend gewohnt, sachlich professionell zu agieren.

    Hürden, Herausforderungen und Erfahrungen

    Als im Sommer 2010 die erste Kamera aufgestellt wurde, konnte niemand sagen, was passieren würde. Würden möglicherweise Anwaltsschreiben ins Büro flattern, weil jemand die eigenen Persönlichkeitsrechte durch die Webcam verletzt sieht? Kommt vielleicht die Polizei und schaltet das Ding ab? Schließlich waren vor der Kamera Auseinandersetzungen zwischen Polizeikräften und Demonstrant_innen zu sehen. Anfeindungen, Vereinnahmungsversuche, alles schien möglich. Womit wir zum Beispiel nicht gerechnet hatten ist, dass die Frage nach der Notwendigkeit einer Sendelizenz eine Rolle spielen kann. Eine Webcam alleine ist rechtlich gesehen kein Problem. Sobald wir aber redaktionell gestalteten Inhalt produzieren wird, sieht die Sache bereits anders aus. Das Land Baden-Württemberg definiert “redaktionell gestalteter Inhalt” nun bereits, wenn eine Kamera bedient und 500 Zuseher_innen aufwärts erreicht werden. Mittlerweile hat sich fluegel.tv eine Sendelizenz erwerben können.

    Die Erfahrung zeigt, dass zwischen Fernsehen und fluegel.tv ein gewichtiger Unterschied besteht: Technisch auf höchstem Stand zu arbeiten ist zweitrangig, viel wichtiger ist es, spontan zu arbeiten. Für die hohe Glaubwürdigkeit von Situationen verzichten unsere Zuseher_innen sichtlich gerne auf ein fixes Sendungsschema und die mundgerechte Aufarbeitung. Ein zu hoher Anspruch an Professionalität in allen Details birgt eher die Gefahr, eine Idee nicht rasch genug umsetzen umsetzen zu können. Für viele der mitwirkenden hauptberuflichen Medienmacher, ist genau diese Arbeitsweise eine ungewohnte Erfahrung. In dem Punkt spielt ihre große Routine keinerlei Rolle, ihnen blutet da manchmal das Herz, wenn sie auf ihre professionellen Standards, die im Fernsehen zweifellos wichtig sind, so untergraben sehen. Die Freiheiten, Irritationen oder Hoppalas im Sendungsverlauf sind umgekehrt ein wesentlicher Faktor, warum fluegel.tv in Feedbacks häufig als authentisch, glaubwürdig, charmant und sympathisch beschrieben wird. Dennoch bekommt auch das Sendeformat der professionellen Reportage mittlerweile mehr Platz eingeräumt.

    Das somit mitgemeinte Biest Basisdemokratie wird im fluegel.tv-Team pragmatisch bezähmt. Solange niemand laut schimpft, gilt etwas als beschlossen. Natürlich ist auf diese Weise manchmal auch jemand beleidigt und verweigert schon einmal die Mitarbeit an einer Sendung. Wo Menschen unentgeltlich zusammenarbeiten, bekommt man es auch laufend mit Befindlichkeiten sehr engagierter und sehr eingesetzter Persönlichkeiten zu tun. Die natürliche Folge davon sind Austritte, Eintritte, Wiedereintritte und auch Wiederaustritte. Das Hauptinvestment einer solchen Unternehmung ist also in erster Linie sehr viel Zeit – und der geteilte Wille, eine sinnvolle Sache zu verfolgen. Ohne Spenden wäre das Betreiben des Senders nicht möglich; alleine die Regelmäßigkeit und vielen notwendigen E-Mails zur Koordination verursachen eine nicht zu unterschätzende Menge an ehrenamtlichen Aufwand. Diese Herausforderungen in der und für die Gruppe sind im letzten Abschnitt des Beitrags der Bürgerinitiative vom Augartenspitz sehr treffend beschrieben. Durch die klare inhaltliche, moralische und ethische Zielorientiertheit sowie die Überschaubarkeit unserer Gruppe ist keines der angesprochenen Themen bei uns virulent geworden. Uns ist klar, dass fluegel.tv einiges an Herausforderungen bevorsteht, wenn die zentrale Frage von «Stuttgart 21» in irgendeine Richtung entschieden wird. Ohne den akuten Grund unserer Arbeit, der als natürlicher Kitt bei den immer wieder aufkommenden Schwierigkeiten dient, werden Zweifel und Differenzen sowie die Müdigkeit aller Beteiligten wesentlich deutlicher zutage treten.

    Zusammenfassung

    Das Team von fluegel.tv hat es sich zur Aufgabe gemacht, einen Teil zur Demokratisierung der Gesellschaft beizutragen, indem Diskussionen, Kongresse, Demonstrationen und so weiter möglichst live und in voller Länge übertragen werden. Dazu kommen ungehetzte Interviews und Reportagen. Ging es zu Beginn lediglich um das Thema Stuttgart 21, so kamen im Laufe der Zeit auch die Auseinandersetzung mit der Atomkraft und kommunale Energiegewinnung, Partizipationsformen der Bürgergesellschaft, Politik im allgemeinen und andere Themen hinzu, die auf das Leben der Menschen und ihrer Umwelt Einfluss haben.

    • Positionierung ist okay, Polemik oder propagandistisches Verhalten nicht. Die Glaubwürdigkeit ist schnell verspielt und das entgegengebrachte Vertrauen dann verloren.
    • Inhalt geht vor Form. Fehler sind Stilmittel eines nicht professionellen Fernsehsenders.
    • Eine eigene Handschrift entwickeln, mit den eigenen Stärken arbeiten.
    • Effektive Bewerbung der Sendungen und Inhalte in der Mediathek, Information über viele Kanäle.
    • Das Adaptieren der Vorgangsweise der gängigen Fernsehsender.