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  • Strukturen der Meinungsmache sichtbar machen

    Ein Interview mit Wolfgang Lieb von den NachDenkSeiten

    «Blogs sind nach meiner Meinung – vielleicht neben Flugblättern, Kleinverlagen oder dem Mittel der Demonstration – die einzig mir erkennbare Chance, mit denen sich einzelne ohne viel Kapital sich der großen Meinungsmache entgegenstellen können.»
    Wolfgang Lieb

    In ihrem Weblog «NachDenkSeiten.de» rücken Albrecht Müller und Wolfgang Lieb regelmäßig aktuelle, vor allem die Bundesrepublik Deutschland betreffende sozial-, wirtschafts- und finanzpolitische Vorgänge in den Blick. Ihre vorangegangenen Berufslaufbahnen in hohen politischen Funktionen erlauben es ihnen, die innerhalb politischer Parteien und der Ministerialbürokratie stattfindenden Debatten und Entscheidungsprozesse analytisch darzulegen und kritisch zu hinterfragen. Dass Lieb und Müller sich hierbei den einst unter Willy Brandt in der SPD geltenden Grundsätzen verpflichtet fühlen, bringt sie nahezu zwangsläufig in eine dissidente Rolle zu ihrer Partei, in der die Ideen der Ära Brandt einem politischen Pragmatismus mit neoliberaler Ausrichtung weichen mussten.

    Das Interview

    Andreas Skowronek: Mit Euch haben zwei bestimmt nicht zur Gruppe der sogenannten Digital Natives gehörende Herren ein publizistisches Projekt ins Internet gehievt. Wie muss ich mir das vorstellen?

    Wolfgang Lieb: Albrecht Müller hat im Jahr 1972 die erfolgreiche Wahlkampagne “Willy wählen” geleitet, war danach Leiter der Planungsabteilung im Bundeskanzleramt und dann Bundestagsabgeordneter. Ich war fast neun Jahre Regierungssprecher in NRW in der Amtszeit von Johannes Rau und danach Staatssekretär im dortigen Wissenschaftsministerium.

    Nach unserem beruflichen Ausscheiden haben wir Vorträge gehalten und danach wurden wir von Zuhörern immer wieder gebeten, dass wir ihnen doch unsere Texte zuschicken sollten. Da kam ein junger Mann auf uns zu und fragte uns: «Warum macht ihr nicht eine Website, um eure Sachen ins Netz zu stellen? Da kann sie dann jeder abrufen.» Er hat das dann technisch für uns umgesetzt und seit November 2003 gibt es die NachDenkSeiten.
    Wir sind natürlich keine “Digital Natives“, aber wir können uns inzwischen ganz gut im Internet bewegen. Da wir Herausgeber mehr als 300 Kilometer auseinander wohnen, findet auch der größte Teil unserer Kommunikation über das Internet statt. Aber das Telefon und das persönliche Gespräch sind natürlich bei schwierigeren Problemen nicht zu ersetzen.

    An die Pflege und Sicherung der Website und an das Einstellen der Texte und das Verlinken wagen wir uns allerdings nicht heran. Da hilft uns unser verlässlicher Webmaster, den wir inzwischen über den Förderverein der NachDenkSeiten auch finanzieren können.

    Aufbau von Gegenöffentlichkeit

    Andreas Skowronek: Stichwort Gegenöffentlichkeit. Ein Blick ins Inhaltsverzeichnis des aktuellen Jahrbuchs reicht aus, um den Nachdenkseiten attestieren zu können: Auf ihnen wird Gegenöffentlichkeit hergestellt. In einem NDS-Posting vom 12.02.2010 heißt es: «Die Strukturen der Meinungsmache sichtbar zu machen, war in der Tat der Grundgedanke bei der Gründung der NachDenkSeiten.» Bekommt man “Gegenöffentlichkeit” heute einfacher hergestellt als das zur Zeit der Alternativ-Zeitungen und Piratensender der Fall war?

    Wolfgang Lieb: Ja und nein. Im Unterschied zum Internet sind alternative Zeitungen oder gar Sender teuer und Druckschriften sind langsam und müssen verteilt werden. Ihre Verbreitung ist gegenüber den großen Massenmedien mit deren eigenem Vertrieb begrenzt – das gilt selbst für die “taz” oder für die alteingesessenen “Blätter für deutsche und internationale Politik”.

    Paul Sethe, der Ressortchef der Springer-Zeitung “Die Welt”, sagte schon 1965: «Pressefreiheit ist die Freiheit von zweihundert reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten.» Das Internet hat diese Plutokratie der Meinungsmacht gesprengt. Heute ist finanziell nahezu jeder in der Lage, eine Website einzurichten oder ein Blog ins Internet zu stellen.

    Der Vorteil des Internets, nämlich dass jeder seine Stimme öffentlich erheben kann, ist gleichzeitig jedoch wieder ein Nachteil bei der Schaffung einer relevanten Gegenöffentlichkeit. Angeblich gibt es 500.000 deutschsprachige Blogs, darunter 200.000 aktivere. Selbst als aktiver Blogger kann ich allenfalls ein Dutzend Blogs regelmäßig besuchen. Hinzu kommt: politische Blogs haben es bisher in Deutschland nicht leicht. Unter den ersten einhundert der deutschen Blogcharts finden sich nur ganz wenige politische Blogs im engeren Sinne. Eine weitere Barriere für die Schaffung einer Gegenöffentlichkeit ist die Reichweite. Gemessen an der “Vermachtung der Öffentlichkeit” durch kapitalkräftige oder kommerzielle Akteure und vor allem durch die wenigen monopolartigen Medienkonzerne können Blogs bestenfalls ein wenig Sand ins Getriebe der Maschinerie einer gesteuerten oder gelenkten Demokratie streuen. Deutschland ist noch ein Blog-Entwicklungsland. Nur jeder fünfte Internet-User liest hierzulande Blogs; in den USA und in Japan jeder Dritte, und in den Niederlanden sind es immerhin schon 40 Prozent. Die Hauptnutzer des Internets, also vor allem jüngere Menschen, haben ein distanziertes Verhältnis zum Politikbetrieb und damit auch zu politischen Blogs.

    Albrecht Müller MeinungsmacheNachDenkSeiten Visits pro TagNachDenkSeiten Page Impressions pro Monat seit Juli 2004

    DIE KRITISCHE WEBSITE – NACHDENKSEITEN
    ➊ «Wer steckt dahinter?» Und: «Warum NachDenkSeiten?», das lohnt sich online zu lesen, aber auch in den Bestsellern von Albrecht Müller.
    ➋ Die kritische Website ist seit 2003 online, seit November 2006 als Blog mit Feeds, Permalinks und Archiv und steht jetzt 2011 bei 60.000 Aufrufen pro Tag.
    ➌ Die NachDenkSeiten gehören zu den wohl einflussreichsten deutschsprachigen Blogs. Im März 2011 rangieren sie auf Platz 15 der “Deutschen Blogcharts“.

    Nach über sechs Jahren nahezu täglicher Informationsangebote erreichen wir von den NachDenkSeiten gerade mal etwas über 50.000 Besucher am Tag und im Monat erfolgen über fünfeinhalb Millionen Seitenabrufe. Darüber freuen wir uns. Aber gegen die Goliaths von Spiegel Online oder Bild.de, die ihre Meinungsmacht ja auch übers Internet ausbreiten, sind wir halt ein David. Doch immerhin erreichen wir wichtige Meinungsmultiplikatoren. Viele Journalisten lesen und beobachten uns, aber – wie uns immer wieder gesagt wird – besonders wichtig sind wir für Betriebsräte und Vertrauensleute, für Lehrer, kirchlich und sozial Engagierte und vor allem auch für Studierende. Unsere Leserinnen und Leser sind engagiert und melden sich zu Wort – wenn sie nicht zensiert werden – in den Foren zu Fernsehsendungen oder in Anrufsendungen im Radio oder bei öffentlichen Veranstaltungen. Den zahllosen Rückmeldungen an uns entnehmen wir vor allem, dass die NachDenkSeiten jedenfalls viele unserer Leserinnen und Leser vor der Flucht in die politische Resignation abhalten und wir sie dazu ermuntern, sich wieder in die öffentliche Debatte einzumischen.

    Blogs sind nach meiner Meinung – vielleicht neben Flugblättern, Kleinverlagen oder dem Mittel der Demonstration – die einzig mir erkennbare Chance, mit denen sich einzelne ohne viel Kapital sich der großen Meinungsmache entgegenstellen können.

    Die NachDenkSeiten setzen bei ihren Beiträgen auf einen “Aha-so-ist-das-Effekt”. Will sagen: Wer einmal gemerkt hat, wie er täglich an der Nase herumgeführt wird, wird skeptisch gegen die ständige Manipulation und Indoktrination von oben. Wir setzen darauf, dass wir mit wenigen Nachdenk-Impulsen Zweifel an den angeblich “objektiv notwendigen” oder “alternativlosen” Rezepten der vorherrschenden Ideologien säen können.
    Wir bauen beim Aufbau einer Gegenöffentlichkeit auf den alten Satz von Goethe: «Mit dem Wissen wächst der Zweifel.» Und der Zweifel ist mächtiger als teuerste PR-Kampagnen von mächtigen Interessengruppen. Konkret: Wer einmal erkannt hat, dass zum Beispiel die “Inititative Neue Soziale Marktwirtschaft” (INSM) eine arbeitgeberfinanzierte Propaganda-Organisation ist, wird deren angeblich “wissenschaftlichen Studien” und deren selbsternannten “Experten” nicht mehr so ohne weiteres auf den Leim gehen.

    Andreas Skowronek: Unternehmen und Institutionen neigen bisweilen dazu, ihre Netzzugänge so einzustellen, dass Blogs oder andere zum Web 2.0 gehörende Webseiten nicht aufgerufen werden können. Sind Euch derlei Hindernisse mit den NachDenkSeiten jemals begegnet?

    Wolfgang Lieb: Derartiges ist uns nicht bekannt. Aber wir kümmern uns vielleicht zu wenig darum. Immerhin sind wir in den Suchmaschinen nicht so schlecht platziert. Ich kann das nicht beweisen, aber meine subjektive Empirie sagt mir, dass Blogs in den Suchmaschinen gegenüber den etablierten Medien, gegenüber den Webangeboten der Wirtschaft oder denen der großen Verbände und beauftragten PR-Agenturen benachteiligt sind und es recht selten auf die ersten Seiten von Suchmaschinen schaffen. Wenn man auf den Suchmaschinen ein politisches Suchwort eingibt, stößt man erst sehr spät und weit hinten in der Reihe der Angebote auf Blogs.
    Die NachDenkSeiten haben sich überwiegend über den “Mundfunk” verbreitet.

    Aber die Bücher von Albrecht Müller oder ein Auftritt im Rundfunk von ihm oder mir lassen die Zugriffszahlen auf die NachDenkSeiten regelmäßig nach oben schnellen. Das heißt ohne das Bekanntwerden über die Massenmedien ist es schwer, aus dem Nischendasein herauszutreten.

    Stimmen außerhalb der Hegemonie der Meinungsmacher

    Andreas Skowronek: Anknüpfend an das eingangs erwähnte Posting vom 12. Februar: Welche Gedanken traten neben den “Grundgedanken”? Und: Stand das von vornherein fest oder entwickelte sich das erst im Laufe der Zeit?

    Wolfgang Lieb: Die Strukturen der Meinungsmache sichtbar zu machen, war in der Tat ein wichtiger Grundgedanke bei der Gründung der NachDenkSeiten. Albrecht Müller und ich sind seit Jahrzehnten Sozialdemokraten und Gewerkschafter und wir waren geradezu geschockt, wie es ohne vorherige Diskussion im Parlament, geschweige denn in der SPD, gelingen konnte, mit der Agenda 2010 einen derart radikalen politischen Kurswechsel zu exekutieren, wie ihn selbst Helmut Kohl in seinen 16 Regierungsjahren nicht gewagt hätte. Wir waren sprachlos, wie dieser Paradigmenwechsel hin zur neoliberalen Ideologie mit ihren Parolen wie etwa «Deutschland braucht weniger Staat!», «Es braucht eine Senkung der Steuern und damit der Staatsquote», «Es braucht einen Abbau des Sozialstaats, niedrigere Löhne», und wie die Stigmatisierung der Arbeitslosen als “Schmarotzer” vom Mainstream der Medien nicht nur transportiert, sondern sogar aktiv voran getrieben wurde.

    Wir haben die Sprache wieder gefunden, weil wir – Albrecht Müller als früherer Wahlkampfmanager und ich als ehemaliger Regierungssprecher – die Mechanismen der Meinungsmache ziemlich gut kennen. An dieser Erfahrung wollten wir unsere Leserinnen und Leser teilhaben lassen und deshalb haben wir immer wieder dargestellt, wie die Beeinflussung, ja: die Manipulation, der öffentlichen Meinung funktioniert.

    Wir haben wohl mit diesem Thema den Nagel auf den Kopf getroffen und sind auf beachtliches Interesse gestoßen. Wir haben etwa deutlich gemacht und konnten belegen, dass hinter der Zerstörung der gesetzlichen und der Einführung der privaten Altersvorsorge massive finanzielle Interessen der Versicherungswirtschaft stehen. Damit haben wir schon Jahre vor der Finanzkrise dargestellt, dass die Politik in ihrem Deregulierungswahn williger Erfüllungsgehilfe der Finanzwirtschaft war. Ich könnte beliebig viele Beispiele anfügen und muss daran erinnern, dass man bei Privatisierungsvorhaben immer zunächst danach fragen muss, wer daran verdient, und dass die deutsche Wirtschaft mit ihrer Exportaggressivität mittels Lohndumping und Unternehmenssteuersenkungswahn auf Kosten unserer Nachbarn lebt und dass dieses Schmarotzertum auf Dauer nicht gut gehen konnte. Das erleben wir derzeit am Beispiel Griechenlands und der anderen südeuropäischen Länder.

    Nun wird schon wieder eine neue Meinung vertreten, wonach die milliardenschweren Rettungsschirme für die Banken in einer bisher einzigartigen Dimension den Sparerinnen und Sparern sowie den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern zugute kämen (so beispielsweise Volker Kauder, Fraktionsvorsitzender der CDU/CSU bei der Verabschiedung des sogenannten Euro-Rettungspakets) und eben genau diese Menschen zwangsläufig auch für die Krise bezahlen müssten. Die Zocker in den Finanz-Casinos bleiben indes verschont.

    Andreas Skowronek: Das Bildblog oder Lobbycontrol gehören eindeutig auch zu den Informationsseiten im Web, die als Gegenöffentlichkeit zu qualifizieren sind.
 Gibt es Berührungspunkte zwischen denen und den NDS; womöglich eine punktuelle Zusammenarbeit?

    Wolfgang Lieb: Wir weisen gerne und häufig auf “BildBlog” hin, wenn dort mal wieder das Hetz-Blatt “Bild” bei einer seiner Falschmeldungen ertappt wird. Umgekehrt nehmen uns auch die Kollegen dort gerne auf, wenn wir mal wieder eine politische Kampagne in der Bild-Zeitung kritisch auseinandernehmen. “BildBlog” bekämpft den unseriösen Journalismus in dieser Boulevard-Zeitung, und das ist gut so. Es geht “BildBlog”aber weniger um die Kritik an der politischen Ausrichtung dieses Blattes.

    Mit Ulrich Müller und Heidi Klein von “Lobbycontrol”, die wie ich in Köln ansässig sind, treffe ich mich ziemlich regelmäßig und wir tauschen uns aus. Der verdienstvolle Kampf gegen den Lobbyismus von “Lobbycontrol” ist schließlich ein ganz wichtiges Element der Aufklärung über eine durch interessengebundene Meinungsmache bestimmte Politik.

    Lobbypedia – Lobbyismus transparent machen

    Die «Lobbypedia» ist ein unabhängiges, lobbykritisches Online-Lexikon. Sie soll einer breiten Öffentlichkeit Fakten und Zusammenhänge über die Welt des Lobbyismus und die Einflussnahme auf Politik und Öffentlichkeit liefern. Lobbypedia wird von LobbyControl e.V. zur Verfügung gestellt und finanziert, einer finanziell und personell von Unternehmen, Interessenverbänden oder Parteien unabhängigen Initiative. Einerseits ermöglicht diese Unabhängigkeit den ungetrübten Blick auf die Verhältnisse, andererseits ist LobbyControl auf Spenden und Fördermitglieder angewiesen. Seit dem Start der Lobbypedia Ende Oktober 2010 hat sich das Projekt erfolgreich entwickelt. Das mediale Echo und die Zugriffszahlen sind vom ersten Tag an bemerkenswert. Die Einträge werden zitiert und die Plattform klettert in den Anfrage-Ergebnissen von Google schrittweise nach oben. Lobbypedia basiert auf der freien Software Mediawiki, die den meisten Internet-Benutzer_innen bereits durch «Wikipedia» bekannt ist. Ähnlich wie bei Wikipedia kann sich jede und jeder über den Menü-Punkt “Diskussion” beteiligen und Artikel kommentieren, korrigieren und ergänzen. Um an Artikeln mitschreiben zu können wird jedoch, aus Gründen der Qualitätssicherung, ein Zugang benötigt, der von dem Team aus Politikwissenschaftler_innen vergeben wird. Die Anzahl der Artikel ist im ersten Halbjahr auf über 350 angewachsen und enthält Dossiers zu Politiker_innen, Banken und einen Schwerpunkt zu Stuttgart 21 und der Baulobby. Über neue Einträge hält ein eigener Twitter Account «@lobbypedia» auf dem laufenden.

    Andreas Skowronek: Der SPIEGEL beschreibt die NDS als “eine Internet-Gemeinde für enttäuschte Sozialdemokraten”. Stimmen die Macher der NachDenkSeiten dem zu?

    Wolfgang Lieb: Selbst wenn es so wäre: Was wäre daran schlimm? Scherzhaft wurden wir schon «Arbeitsgemeinschaft der Sozialdemokraten in der SPD» genannt. Aber im Ernst: Dieser Vorhalt gerade vom Spiegel ist doch eine hilflose Abwertung durch Leute, die sich einbilden, sie stünden auf der Höhe der Zeit und die doch mit ihren journalistischen Feldzügen für die Agenda- und Deregulierungspolitik dramatisch Schiffbruch erlitten haben. Wir haben schon für Konjunkturprogramme plädiert, da denunzierte der Spiegel noch den Ausgleich von Marktinstabilitäten als nutzlose “Strohfeuer”. Wir haben bereits auf die Gefahren der Deregulierung der Finanzmärkte hingewiesen, als der Spiegel darin noch die Zukunft des “Finanzplatzes Deutschland” sah. Wir begrüßen inzwischen manchen Spiegel-Journalisten wieder in der Gruppe der “enttäuschten Sozialdemokraten”.

    Leider sind aber manche journalistische “Wendehälse” noch nicht einmal zur Selbstkritik in der Lage.

    Andreas Skowronek: Wie stellt sich die Zusammenarbeit mit denen dar, deren Mitglieder auch zu Euren Lesern zählen? Ich denke da an die Gewerkschaften und die SPD selber.

    Wolfgang Lieb: Wir könnten etwa unsere täglichen “Hinweise des Tages” beim besten Willen gar nicht alleine machen. Wir haben einen großen Kreis von engagierten Leserinnen und Lesern, die uns täglich mit ihren Fundstücken an kritischen Artikeln und Studien versorgen und wir haben ehrenamtliche Helferinnen und Helfer, die solche Hinweise sammeln. Wir müssen aus den vielen Vorschlägen sogar strikt auswählen, sonst würden wir beliebig. Schlimmstenfalls würden wir vor allem durch die Menge unsere Leserinnen und Leser überfordern.

    Viele unserer “Lieferanten” sind in den Gewerkschaften oder auch in der SPD aktiv. Wir haben auch noch viele persönliche Kontakte in die SPD hinein und zu Gewerkschaftern und können uns über das Telefon über Interna informieren. Viele melden sich auch von sich aus. Wir sind – was nicht erstaunlich ist – bei den Spitzen dieser Organisationen nicht so gut angesehen, weil wir den Repräsentanten doch häufig auf die Hühneraugen treten, aber von den unteren Ebenen bekommen wir viel Unterstützung und Lob. Und wir werden so oft zu Vorträgen und Diskussionen eingeladen, dass wir gar nicht mehr zu unserer Arbeit für die NachDenkSeiten kämen, wenn wir alle Einladungen annähmen.

    Wenn ich manchmal noch zu Parteitagen der SPD gehe, erlebe ich drei Meinungen: die eine Gruppe klopft mir auf die Schultern, die andere hat heimliche Sympathie und die Spitzenfunktionäre beschimpfen mich als Verräter. Damit muss man leben, wenn man von Zwängen frei sein will. Und unabhängig sind wir als Rentner, die wir keine Karriere mehr machen müssen – zum Glück. Und diese Freiheit wollen wir uns nicht nehmen lassen, auch wenn wir damit anecken. Wir haben uns vorgenommen, kein Blatt mehr vor den Mund zu nehmen. Wir mussten in unserem beruflichen Leben lange genug Kompromisse eingehen.

    Reichweite, Bedeutung und Zukunft der NachDenkSeiten

    Andreas Skowronek: In dem genannten SPIEGEL-Beitrag heißt es auch, dass sich die NDS verglichen mit ähnlichen in den USA aufgelegten Seiten eher “steinzeitlich” ausnehmen. Dieser Befund stammt aus dem Jahre 2008.

    Wolfgang Lieb: Immerhin bescheinigte der Spiegel den NachDenkSeiten, dass wir eines der ganz wenigen deutschen Polit-Blogs sind, die überhaupt wahrgenommen werden. Wenn er uns in dem Artikel etwa mit der Huffington Post in den USA vergleicht und uns klein macht, dann unterschlägt er, dass wir Herausgeber anders als die “Ölbaronin” Arianna Huffington leider keine Millionäre sind und eben kein großes Redaktionsteam bezahlen können. Wir arbeiten eben ausschließlich ehrenamtlich. Im Übrigen, bezogen auf die Zahl der Einwohner schneiden wir gegenüber der “HuffPo” mit unseren Zugriffszahlen im deutschsprachigen Raum so schlecht gar nicht ab.

    Aber wenn wir als “steinzeitlich” wahrgenommen werden, weil bei uns keine Werbebanner flimmern und wir nicht mit Bildern und schön gebastelten Grafiken arbeiten, sondern weil wir auch noch etwas zu sagen haben, dann sind wir auf solche Etikette eher ein wenig stolz. Sicher hätten auch wir zum Beispiel gerne eine bessere Suchfunktion, damit man unsere Beiträge zu bestimmten Themen leichter finden kann, aber das gibt unser Spendenaufkommen eben nicht her.

    Andreas Skowronek: Inzwischen greifen die NDS auch auf Twitter, Facebook und Bookmarking-Dienste zurück. Einzelne Beiträge indes müssen auch heute noch “händisch” bei Facebook eingestellt oder getwittert werden. Wird sich das in Zukunft dergestalt ändern, dass auch einzelne Postings mit Widgets versehen werden, die es erlauben, einen Beitrag direkt bei Facebook einzustellen oder zu twittern?

    Wolfgang Lieb: Die Beiträge der NachDenkSeiten werden voll automatisiert auf den NachDenkSeiten-Twitter-Account und auf die NachDenkSeiten-Facebook-Seite gestellt. Dass dies per Widget auch für die User möglich ist, steht auf unserer langen To-Do-Liste.

    Wir haben das getan, weil viele unserer User diesen Wunsch geäußert haben, aber manche unserer Leserinnen und Leser finden das gar nicht so gut, dass wir solche Communities unterstützen.

    Andreas Skowronek: Ein wesentliches Merkmal von Blogs sind neben der Subjektivität seiner Autoren und der Interaktion mit den Lesern das, was unter “Authentizität” verstanden wird. 
Andererseits gibt es Seiten wie das Portal zum Mindestlohn, das auch von Agenturen mit Inhalten gespeist wird. War die Zusammenarbeit mit einer Agentur für die NDS je ein Thema?

    Wolfgang Lieb: Natürlich sind auch unsere Beiträge “subjektiv”. Aber wir weisen unsere Grundpositionen offen aus. Dazu braucht man nur «Warum NachDenkSeiten» anzuklicken. Wir sehen aber unsere Hauptaufgabe nicht darin, unsere Meinung kundzutun, sondern darin, Fakten und rationale Argumente gegen den öffentlichen und politischen Meinungsstrom zu stellen. Wir wollen aufklären und nicht indoktrinieren. Wir wissen, dass wir die Weisheit nicht mit Löffeln gefressen haben. Wir sind einfach nur der festen Überzeugung, dass in einer Demokratie die Vielfalt der Meinungen und der breite Diskurs zu vernünftigeren Entscheidungen und damit auch zu einer besseren Qualität der Politik führen. Wir haben kein interaktives Forum. Die Diskussion müsste moderiert werden und das schaffen wir zu zweit einfach nicht, wenn wir noch selber schreiben und kommentieren wollen. Wir sind da an der Grenze unserer Kräfte angekommen.

    Interaktion findet bei uns nur über E-Mails statt, aber bei bis zu dreihundert Mails am Tag, können wir diese beim besten Willen nicht mehr alle beantworten. Selbstverständlich schicken uns viele Verbände und Organisationen ihre Studien und ihre Presseerklärungen. Sie wissen, dass sie durch die NachDenkSeiten einen guten Resonanzboden haben. Aber wir wollen nicht von Agenturen abhängig werden. Wir wollen sie auch kritisieren dürfen.

    Ganz interessant ist, dass sich bei uns Menschen melden, die in beruflichen Zwängen stecken, und die deshalb anonym bleiben wollen, wenn sie uns ihre Informationen geben. Insoweit sind wir auch eine Art “Samisdat“.

    Andreas Skowronek: Zwei Fragen zum Schluss: Welche Schlussfolgerungen zieht Ihr bzw. ziehst Du aus dem, was die NachDenkSeiten bisher erreicht haben? Und hast Du einen Ratschlag für jene, die ebenfalls erwägen eine Gegenöffentlichkeit herzustellen?

    Wolfgang Lieb: Wir bekommen immer wieder zwei Reaktionen unserer Leserinnen und Leser: Die einen schreiben uns, sie hätten schon angefangen, an sich selbst zu zweifeln, weil sie aus ihrem Wissen und ihrer Erfahrung nicht mehr nachvollziehen könnten, was ihnen täglich an Meinungen vorgesetzt wird. Durch die NachDenkSeiten wüssten sie, dass sie nicht allein mit ihrer kritischen Meinung sind. Die anderen sagen uns, sie hätten allmählich schon angefangen zu glauben, was an immer gleichen Botschaften auf sie einströmt. Durch die Lektüre der NachDenkSeiten hätten sie gemerkt, das Vieles nicht stimme und sie könnten sich eine eigene Meinung bilden. Das macht uns täglich neuen Mut.

    Wir wollen unsere Wirkung gewiss nicht überschätzen, aber dass zum Besipiel in den Medien in letzter Zeit häufiger darauf hingewiesen wird, dass der interviewte “Experte” einen Interessenbezug zur Wirtschaft hat oder gar Mitglied einer PR- oder Lobby-Organisation wie etwa der INSM oder der Bertelsmann Stiftung ist, das dürfte schon auch ein Anstoß sein, der auch von uns ausgegangen ist. Und das dient der Transparenz. Wir wissen, dass wir in bestimmten kritischen Medien auch Themen setzen können. Wir erfahren, dass wir für Betriebsräte, Lehrer oder auch für Redenschreiber von Politikern wichtige Handreichungen bieten. Da eines meiner Fachgebiete die Hochschulpolitik ist, bin ich beispielsweise im Rahmen des Bildungsstreiks ein vielgefragter Referent an Hochschulen und ich konnte so die Kritik an der “unternehmerischen Hochschule” oder am “Bologna-Prozess” ein wenig fundieren.

    Netzwerk der Macht - Bertelsmann. Der medial-politische Komplex aus GüterslohMit solchen Anzeigen arbeitet die INSM, im Netz werden die Sujets konterkariert.Forderungen nach mehr Transparenz - Aktion und Petition zum Thema Partei-Sponsoring im Sommer 2010

    DAS MACHEN VON MEINUNG – THINK TANKS ALS PR-AGENTUREN
    ➊ Das Netzwerk der Macht der Familie Mohn wird seit Jahren von vielen Seiten kritisiert. Gegen den gesellschaftlichen Einfluss des Medienkonzerns mit seiner Bertelsmann Stiftung, die der Politik die Konzepte vorab ausarbeitet, ist kaum anzukommen.
    ➋ Die Lobby-Organisation des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall fährt camouflierte Kampagnen für die Interessen der Großunternehmer. Besonders im Netz werden Kampagnen der INSM immer wieder aufgedeckt und Sujets konterkarierend gegen die INSM gewendet.
    ➌ Die Auswüchse des Lobbyismus dokumentieren WatchBlogs und NGOs wie LobbyControl und Transparency International, hier bei einer gemeinsamen Aktion im Juni 2010.

    Inzwischen gibt es weit über hundert NachDenkSeiten-Gesprächskreise quer durch die Republik und sogar im Ausland, das heißt wir bringen Leute wieder ins politische Gespräch miteinander. Das ist uns ganz wichtig.
    Ich kenne aus meinem früheren Beruf noch viele Journalisten, es gibt kaum jemand darunter, der uns nicht liest. Einige Male haben wir sogar Schlagzeilen gemacht.Viele unserer Beiträge werden in anderen Blogs gepostet oder auch in Zeitungen nachgedruckt. Ein wenig konnten wir sicher dazu beitragen, dass das kritische Potenzial in unserer Gesellschaft erhalten blieb oder gestärkt wurde.

    Die wichtigste Erfahrung, die ich weitergeben könnte, ist: Um ein größeres Publikum zu erreichen, braucht man einen langen Atem, viel Ausdauer und viel Kraft und Fleiß – und vor allem braucht man Verlässlichkeit und Qualität. Die Leserinnen und Leser müssen sich darauf verlassen können, dass das, was sie an Informationen lesen können, seriös und abgesichert ist. Deswegen korrigieren wir uns auch gern, wenn wir uns geirrt haben.