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  • Social Media als Türöffner – wohin? Und für wen?

    Begegnungen am runden ThemaTisch

    «Die christlichen Kirchen wollen dort helfen, wo Menschen unterdrückt werden und Not, Armut und Ausgrenzung erleiden. Im Bewusstsein, dass gerechte Strukturen und Rahmenbedingungen wesentliche Voraussetzung für ein menschenwürdiges Leben für alle sind, setzen sie sich für die notwendigen Veränderungen von Strukturen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ein.»
    Sozialwort des ökumenischen Rates der Kirchen

    Was denken, was glauben Christinnen und Christen? Welche Themen bewegen sie? Was begeistert sie und was macht sie wütend? Die Katholische Aktion Oberösterreich entwickelt seit 2009 neue Kommunikationsräume im Social Web, sie zeigt und lebt, «Kirche 2.0 hat längst schon begonnen». Es sind engagierte Christ_innen, die am ThemaTisch bloggen, die einander auf Kirchen-Barcamps treffen, die für ihre Anliegen selbst Kampagnen organisieren – eine breite «Allianz für den freien Sonntag» etwa hat sich auf und über Facebook gebildet – und die twitternd Gespräche mit anderen über Gott und die Welt führen. Im Sinne dieser Kirche 2.0 ist Social Media ein Türöffner für neue Kommunikationsräume. Die vorrangige Frage darf nicht sein «Was kann das Internet für die Kirche tun?», sondern umgekehrt, «Was kann die Kirche für das Internet tun?». Dazu gibt es einige Erfahrungen zu teilen, die im Umfeld der katholischen Aktion im Einsatz der Social Media gemacht haben.

    Fenster und Türen öffnen, Dialoge führen, Wandel zulassen

    Das Fenster- und das Türöffnen steht der Kirche gut an, ebenso wie den Gewerkschaften und großen Nichtregierungsorganisationen (NGO). Es geht um Partizipation und darum, laufend an diesen Prozessen zu arbeiten. Die Organisation bestimmenden Strukturen sind in großen etablierten Institutionen nicht Partizipation ausgerichtet, weder dort noch da, auch wenn es dort wie da Ansätze in die Richtung gibt. In der Kirche sind das beispielsweise die Laienbewegung der Katholische Aktion mit gewählten ehrenamtlichen Vorsitzenden oder gewählte Pfarrgemeinderät_innen in jeder Gemeinde.

    An der prinzipiellen Top-Down-Ausrichtung von Organisationen ändert auch eine Social Media Kampagne oder Facebook-Seite nicht viel. Aber sowohl Kirche als auch Gewerkschaft und viele große NGO’s sind nicht nur Organisationen, sondern auch soziale Bewegungen. Da prallen Welten aufeinander: bewegte und engagierte Menschen und deren Netzwerke, die Cloud online, die par excellance für eine plurale, multioptionale Gesellschaft steht und die großen Organisationen, deren interne Spielregeln lange vor dem Internet entstanden und um deren Bewahrung es leider oftmals mehr geht als um irgendetwas anderes. Die Organisation, die eher «die Asche behütet» als «das Feuer weitergibt».

    Social Media rüttelt an den bewahrten Spielregeln, verwischt den Unterschied zwischen Konsument_innen und Produzent_innen. Social Media ist ein Versprechen auf Veränderung von Spielregeln, oder, wenn es beim simplen Online Engagement bleibt, eine Enttäuschung oder sogar Täuschung. Online Aktivitäten wirken schal, wenn sich die Organisationen nicht wandeln. Damit ist nicht gemeint, dass in Organisationen von einem Tag auf den anderen alles anders, alles usergeneriert sein muss, aber doch eine grundsätzliche Haltung, die so authentisch kommuniziert wird, spürbar wird: Ist die Organisation bereit mit der Veränderung anzufangen – oder soll eigentlich doch alles beim Alten blieben und nur das Marketing auf die Höhe der Zeit gehoben werden?

    Volksblatt: Bereits 12 Pfarren in Oberösterreich nutzen FacebookSocial Media Workshops des ThemaTischBarcamp Kirche 2.0: Kirchen BarCamps gibt es sowohl in Deutschland als auch in Österreich.

    KIRCHE 2.0 IST KEIN SLOGAN SONDERN SCHON REALITÄT
    ➊ Eine Schlagzeitung im Jahre 2010, «Bereits 12 Pfarren in Oberösterreich nutzen Facebook». Kein Jahr später stehen wir bei dreissig Pfarren, Tendenz steigend.
    ➋ Ein wichtiger Bestandteil der Social Media Strategie der katholischen Aktion in Oberösterreich und Bedingung für den Erfolg: Schulungsangebote und Workshops zum Austausch.
    ➌ Der Besuch des BarCamp Kirche 2.0 im Mai 2010 in Frankfurt am Main überzeugt mich, die Erfahrung ist «supersupersuperinteressant» und bewegt mich dazu, noch im gleichen Jahr in Linz ein Kirchen Barcamp zu initieren. Ein Jahr später geht es wieder in Deutschland und Österreich weiter.

    Die Antwort der (katholischen) Kirche ist beim Blick auf die Grundsätze eigentlich klar. War es nicht Jesus Christus, der mit dem Empowerment gerade der damals Bedrängten und Ausgeschlossenen einfach angefangen hat? Wenn im epocheprägendem II. Vatikanischen Konzil (1962 – 1965) vom «Priestertum aller Getauften und Gefirmten» gesprochen wird, ist damit klar, dass es ChristInnen als Person sind, die das, was ihnen wichtig ist, was sie glauben und wofür sie sich einsetzen, weitertragen. Im Alltag, durch ein glaub-würdiges Leben. Und indem sie sich zusammenschließen und daran arbeiten die “Zeichen der Zeit” nicht nur zu erkennen, sondern auch entsprechend zu handeln. Die Veränderung der Kommunikationsstrukturen durch das Leitmedium Internet ist ohne Zweifel solch ein unübersehbares “Zeichen der Zeit” und schafft viele kreative Anknüpfungspunkte für engagierte ChristInnen.

    Anfangen, Einlassen, Lernen: “Hearing to speech”

    Mit dem 2009 gestarteten Internetkommunikationsprojekt «ThemaTisch» ist die Katholische Aktion Oberösterreich bewusst einen Schritt gegangen, diese “Zeichen der Zeit” wahrzunehmen und hat sich selbst damit auf einen Lernprozess eingelassen, der gerade in Oberösterreich weit über die KA hinaus, Wirkung zeigt. Nicht nur eine eigene Blog-Community wurde gestartet, sondern vor allem der Schritt in bestehende Netzwerke gegangen. Viele Christ_innen, darunter nicht wenige der über 100.000 Mitglieder der KA-Gliederungen, haben sich ein Profil bei Facebook zugelegt und reden mit im Klatsch- und Tratsch-Netzwerk, erzählen aber auch immer wieder ihren “Friends”, was ihnen wichtig ist, wofür sie sich engagieren und warum sie das tun. Manche twittern auch oder haben sich ein eigenes Blog zugelegt.

    Früher standen die Menschen am Sonntag nach der Kirche am Dorfplatz zusammen und tauschten aus, was gerade interessant war (und manche tun das heute auch noch) – heute tun sie das über Facebook – und wieder sind Christ_innen mittendrin. Jesus hat nur Face-to-Face kommuniziert, aber schon die ersten Zeug_innen haben angefangen, Briefe zu schreiben, weil Gemeinden einfach zu weit weg waren, um sich zu treffen. Aber Online-Aktive tun vor allem eines: Sie hören zu, sie lesen mit, was andere posten, twittern, verlinken. Sie nehmen wahr, was Anderen wichtig ist und wo vielleicht gerade der Schuh drückt. Diejenigen, die gestern damit angefangen haben und heute noch damit anfangen, Blogs zu führen und WatchBlogs aufzubauen, die erste Social Media Anker setzen und zur Vernetzung Kanäle eröffnen, das sind oft nicht die Entscheidungsträger_innen in diesen und jenen Bereichen einer Organisation. Doch gerade unsere Entscheidungsträger_innen müssen das Zuhören lernen, offline wie online. Zuhören ist der erste Schritt zur Partizipation.

    Die Schutzbefohlenen der Santa Precaria

    Eliza Boltanski (*1871 in Bellinzona, Schweiz, † 1923 in Puebla, Mexiko) bekannt auch als Precaria Chiapello und in den 1910er Jahren als der «Engel vom Nordbahnhof» in Wien, sie ist die kaum bekannte Schutzheilige der Prekarisierten und obwohl das Prekariat immer zahlreicher wird und weitere Bevölkerungsgruppen erfasst, so ist ihr doch nur ein Schrein in der als virtuell verschrienen Welt des Internet gewidmet. Ihr Tag ist der 29. Februar, jener prekärste aller Jahrestage, kommt er im Kalender doch nur alle Schaltjahre vor. 2004 wurde in Mailand das erste Mal der Heilige San Precario gesichtet und von gemeinsamen Prozessionen von Pfleger_innen, Angestellten der Supermarktketten, Scheinselbstständigen der Kreativbranche, Pensonist_innen und Praktikant_innen angerufen, betend und bittend um Krankenversicherung, bezahlte Praktika, Kündigungsschutz, eigene Pensionen oder einfach nur einen Mindestlohn. Im Vorfeld des vierjährigen Jubiläums zum 29. Februar 2008 finden sich in Österreich «Freundinnen und Freunde der Santa Precaria» aus gewerkschaftlichen und kirchlichen Organisationen mit NGO’s wie Attac, Arbeitslosenintiativen und der Generation Praktikum zusammen, um in mehreren österreichischen Städten einen würdigen Namens- und Aktionstag für die Heilige Santa Precaria auszurichten.

    Als Website für den Aktionstag wird ein Blog eingerichtet. Im Vordergrund stehen nicht die Organisationen, Presseaussendungen und Aktionen sondern die “Schutzbefohlenen” und die laufende Dokumentation aller Nachrichten zum Thema Prekarisierung. Ebenso wie zwei Jahre später im Fall der Facebook-Seite zum arbeitsfreien Sonntag wird hier das Blog über den Aktionszeitraum hinweg weiter geführt. Wieder sind es verschiedene Personen, die sich zuerst über das Blog online kennen lernen und die als Autor_innen immer wieder Fundstücke, Berichte, Veranstaltungshinweise oder ähnliches auf das Blog stellen. Das Blog, der Schrein der heiligen Santa Precaria, gewinnt mit der Zeit Abonnent_innen, auf Facebook noch einmal das zehnfache an Fans und bildet so eine Brücke zwischen den Namentagen. So besteht kaum ein Zweifel, dass die Feierlichkeiten und Aktionen zum 29. Februar 2012 deutlich prachtvoller, größer und weiter verbreitet ausfallen werden als 2008.

    «Hearing to Speech», das heißt offenes und interessiertes Hören als Ermächtigung zum Sprechen und als Grundprinzip jeder (radikal-)demokratischen Ausrichtung, als Prozess gegenseitiger Ermächtigung, als Voraussetzung für kollektive Emanzipationsprozesse. Diese Emanzipationsprozesse, – hier im Buch werden viele angesprochen, beschrieben, dokumentiert von der Einzelperson in extremer Stresssituation und Überwachung bis hin zu Aktivist_innen für Indymedia und den für Würde, soziale Gerechtigkeit und Freiheit in Tunesien, Ägypten und Wisconsin kämpfenden Menschen, – diese Prozesse laufen nie planvoll geordnet, nie detailreich organisiert ab, sondern vielleicht auch mal chaotisch, mal widersprüchlich. Und sie beinhalten das Potential, vieles, vielleicht alles, in Frage zu stellen.

    Die “Zentrale” kann unterstützen, aber nicht alles machen

    Eine Organisation muss Basisfunktionalität von Social Media zur Kenntnis nehmen und sich bewusst machen, dass soziale Netzwerke und anderen Online-Kanäle nicht zentral gesteuert funktionieren. Das ist ein Stück Kontrollverlust – oder auch wieder nicht, denn was Menschen irgendwo in einer Runde miteinander gesprochen haben, konnte noch nie zentral kontrolliert und gesteuert werden. Das ist auch gut so! Denn wirklich glaub-würdige Botschaften wurden schon immer im Beziehungsgewebe vermittelt und nicht in Marketings-Büros entwickelt. Nicht umsonst hat “Mundpropaganda” schon immer besser gewirkt als Werbung. Diese Kommunikationsprozesse verlagern sich nun auch in soziale Netzwerke. “Zentralen” – und als solche sei hier die Katholische Aktion als Dachverband der “Laienverbände“ der katholischen Kirche mit ihren 100.000 Mitgliedern in Oberösterreich verstanden – können unterstützen, Prozesse beschleunigen, inhaltliche Impulse geben, aber nie das machen, worauf es wirklich ankommt im Leben und in Facebook & Co: in Beziehung kommunizieren.

    Social Media kann in der Kirche nur als Bottum-up-Bewegung verstanden werden und es ist zu mutmaßen, dass das gilt genauso für andere große Organisationen und Institutionen. Den Zentralen ist darum eine gewisse “Bescheidenheit” in der Entwicklung von Social Media Strategien zu raten, aber durchaus auch Kreativität. Es gibt schließlich virale Effekte, die durchaus Einfluss haben können auf die Kommunikation im Beziehungsgefüge. Schneeballeffekte können mächtig werden, das bekannteste Beispiel dafür ist wohl #unibrennt. Ein Beispiel, von ThemaTisch auf Facebook initiiert, ist die über die Facebook-Seite «Arbeitsfreier Sonntag» eingerichtete Veranstaltung «Ich nicht! Einkaufen am 8. Dezember», bei der nicht nur mehr als 16.000 Menschen via Facebook ausdrückten, dass sie am Feiertag im Dezember 2010 nicht einkaufen gehen werden, sondern mit der Veranstaltungszusage auch gleichzeitig ihre Kontakte auf Facebook darüber informiert haben.

    Mehr als 2,5 Millionen Menschen allein in Österreich nutzen Facebook. Damit ist diese Plattform – bei aller notwendigen Kritik am nicht vertrauenswürdigen Umgang des Unternehmens Facebook mit persönlichen Daten – in der Entwicklung einer Social Media Strategie nicht mehr wegzudenken. Für die katholische Kirche heißt das in der Entwicklung von Internetkommunikationsstrategien primär genau darauf zu setzen und dort hin zu gehen, wo die Menschen aktiv und wo die sozialen Netzwerke lebendig sind. Dabei ist das hilfreich, wofür auch die Katholische Aktion als Zusammenschluss engagierter Christ_innen steht: Aktive, verantwortliche Beteiligung und selbstbestimmte Menschen, die über ihren Glauben und ihr sozialen Engagement kommunizieren und damit davon Zeugnis geben. Nur dann, wenn Menschen ernst genommen werden, nicht wie gerade im Marketing-Jargon großer NGOs als Kund_innen, sondern als entscheidende Mitgestalter_innen der Organisation, gelingt es, diese Haltung auch zu vermitteln. Darum hat die Katholische Aktion Oberösterreich gemeinsam mit dem Kommunikationsbüro der Diözese Linz im November 2010 auch zu einem Barcamp zum Thema Kirche und Social Media eingeladen. Das war so spannend, dass diese Veranstaltung ein Jahr später wiederholt wird. Daneben bietet die KA in vielfältiger Weise Unterstützung und Information unter dem Stichwort Kirche 2.0 an, auch Beratung und viele Weiterbildungen.

    Social Media allein sind noch nicht Partizipation

    Social Media können, wenn sie klug eingesetzt werden, zu Demokratisierung von NGOs einen Beitrag leisten. Sie können notwendige Prozesse beschleunigen. Das stimmt, aber nicht ohne “aber” und das gleich zweimal: Facebook, Twitter & Co. haben nicht das Ziel, die Welt demokratischer und gerechter zu machen, sondern sind kapitalistische Unternehmen und ticken im Zweifelsfall auch so. Und: Wenn wir Demokratie ernst nehmen, dürfen wir – auf Österreich bezogen gesprochen – die 17% Menschen, die keinen Internetzugang haben oder die 57% Menschen, die keine Social Media Communities nutzen, nicht übersehen, sondern vielmehr müssen wir unsere Organisations-Prozesse so gestalten, dass vielleicht genau dort das Zuhören anfängt.

    Wen erreichen wir via Social Media? Antworten, die schlicht Altersgruppen differenzieren oder in Prozent von Bevölkerung rechnen, verhelfen hier nicht zu einem fundierten Verständnis. Auch die bekannte Segmentierung der Bevölkerung nach soziodemografischen Merkmalen und sozialen Schichten reicht nicht mehr aus, um Dialoggruppen wirklich wahrzunehmen. Die soziale Lage allein – so wichtig diese Frage noch immer ist – erklärt nicht alles, Lebensstile und Wertorientierungen sind differenzierter. Social Media nutzende beziehungsweise für Social Media empfängliche Menschen, das sind nach dem Befund der sogenannten Sinusstudien die Typen “Moderne Performer”, “Experimentalisten”, “Hedonisten” und vielleicht noch “Postmaterielle“. Diese Studien zeigen, dass gerade jene postmodernen Lebensstil-Milieus im Social Web überdurchschnittlich aktiv sind und diese eine große Distanz zur Kirche, aber auch anderen Institutionen sowie Parteien haben. Projektorientierung und Multioptionalität kennzeichnen diese Milieus. Gelingt die Kommunikation in Facebook & Co, vor allem vermittelt über die Beziehung Einzelner, kann es die Kirche schaffen, auch mit Menschen in Kontakt zu kommen, die wenig oder gar nichts mit ihr zu tun haben. Dieser Kontakt ist ein positiver Effekt. Aber nicht genug.

    Immer wieder kommt es zu Erscheinungen des Heiligen der ChainWorkers, des San Precario, oftmals in großen Supermärkten.Christopolis - Ein Blog als Sozialwort-Magazin der Katholischen Aktion Wien«72 Stunden ohne Kompromiss» bedeutet ehrenamtliche Arbeit von über 5.000 Jugendlichen in 400 Projekten.

    SOZIALE ANLIEGEN HABEN ÜBERALL IHREN RAUM
    ➊ Die Erscheinungen des San Precario, wie etwa das «Miracolo a Milano», die Aktionen von den ChainWorkers in Italien, der organisierten in Handelsketten Arbeitenden, waren die Inspiration für die Anrufung der Santa Precaria in Österreich. Für den ersten Aktionstag bildete sich eine breite Allianz aus NGOs und kirchlichen und gewerkschaftlichen Organisationen.
    ➋ Das Blog «Christopolis», das Sozialwort-Magazin der Katholischen Aktion Wien in Kooperation mit der Katholischen Sozialakademie, stellt Sozialpolitisches zur Diskussion.
    ➌ «72 Stunden ohne Kompromiss» ist Österreichs größte Jugendsozialaktion, mit über 5.000 Jugendlichen in 400 Projekten, die ehrenamtliche Arbeit leisten. Via Facebook war die Entwicklung der Projekte von der Entwicklung bis zu Nachbereitung mitzuverfolgen, eine Landkarte machte die Fülle sichtbar, auf YouTube wurden die Aktionen dokumentiert.

    Social Media ist kein Selbstzweck

    So breit die sozialen und sozialpolitischen Aktivitäten der Kirche auch sind, so klein sind noch die Pflänzchen, die diese Perspektive in Social Media sichtbar machen. Die meisten, die sich mit diesem Themen beschäftigen, sind da noch Einsteiger_innen, Lernende. Sie können auf einen reichen Erfahrungsschatz der Kirche als Parteinehmerin für die Ausgrenzten zurückgreifen und diese Aktivitäten auch im Netz leben. Das wird – auch wenn dabei keine überzogenene Erwartungen an Demokratie und Partizipation angesagt sind – uns alle verändern. So können sich Christ_innen sich etwa bemühen, die Perspektive von Armen und Ausgegrenzten bewusst in Social Media einzubringen, zum Beispiel durch das Ansprechen der Lebenssituation dieser Menschen. Dass dabei nicht nur die Sicht der HelferInnen, sondern vor allem auch die Sicht der Betroffenen zu Wort kommen muss, ist durch den Wandel der sozialen Arbeit hin zu Partizipation und Ressourcenorientierung außer Frage gestellt. In diesem Prozess werden sich soziale Dienstleitungsorganisationen mit der Zeit sicherlich radikal verändern.

    Durch den “Digital Divide” wird es, selbst wenn gesellschaftlich bewusst damit umgegangen wird, neue Verlierer_innen geben. Jene, die in der rasanten Entwicklung nicht mitkommen oder jene, die gerade in weltweiter Perspektive keinen Zugang zu neuen Technologien haben. Auch hier kann Kirche, weil sie über ein dezentrales Netz von Engagierten verfügt, Vorreiterin sein, der Digitalen Kluft entgegen zu wirken und beispielsweise neue Kooperationen der Generationen zwischen Digital Natives und Älteren anregen und begleiten. Im Herbst 2011 startet ein Projekt der Katholischen Frauenbewegung OÖ, dass sich mit mit der Digital Literacy von Frauen 50+ beschäftigt, jener Gruppe, die am wenigsten online vertreten ist. Das alles setzt Kompetenzaufbau in der Organisation Kirche zu diesem Thema voraus, was dann auch dazu führen könnte, dass sich Kirche sachgerecht in Debatten zum Beispiel um Netzneutralität beteiligt.

    Die Kampagne zum Arbeitsfreien Sonntag

    2006 schlossen sich Kirchenorganisationen, Gewerkschaften und NGOs in Deutschland und in Österreich jeweils zu einer «Allianz für den freien Sonntag» zusammen, um sich gemeinsam für den Erhalt dieser nicht-ökonomisierten Zeit für alle stark zu machen, mittlerweile gibt es diese Allianz auch auf Europaebene. Im Herbst 2009 haben hat sich die Katholischen Aktion OÖ daran gemacht, eine Facebook-Seite für den arbeitsfreien Sonntag einzurichten. Motiv dabei war, über dieses für die Katholische Aktion wichtige Thema Menschen zu erreichen und sie zum Beispiel dazu einzuladen, beim «Kauf-Nix-Tag» am 8. Dezember mitzumachen. Dieser Aktionstag wird unter anderem von der Katholischen Arbeitnehmer_innen Bewegung (KAB) vorangetrieben. Die Facebook-Seite für den arbeitsfreien Sonntag hat sich bald zum Selbstläufer entwickelt und zu einem saisonunabhängigen Forum, auf dem das ganze Jahr über Beiträge und Kommentare gepostet werden. Inhaltlich befasst sich die Seite nicht nur mit aktuellen Informationen aus der politisch arbeitenden Allianz, sondern agiert auch stark auf der Gefühlsebene. Da passt an einem heißen Sommertag ein «Danke» an die arbeitenden Bademeister_innen und Buffetmitarbeiter_innen in Bädern und an Seen genauso wie ausgewählte Statements zum Sonntag.

    Die Moderationsarbeit teilen sich mehrere Co-Administrator_innen. Es sind die Menschen, die sich online kennen gelernt haben, die diese Seite tragen. Sie haben das Commitment ihrer Vorgesetzten und ihrer Organisationen das zu machen, was sie machen. So genau wurde da auch gar nicht mal nachgefragt, es ist einfach passiert. Die flache Hierachie der Moderator_innen der Seite macht die Sache auch so einfach und erfolgreich: Es gibt keine Organisationsnotwendigkeiten und es ist möglich, spontan zu reagieren – eine Grundvoraussetzung – neben der Bereitschaft zuzuhören –, um erfolgreich in Social Media zu agieren.

    Der Kirche, der Katholischen Aktion, ist es mit dieser Seite zum «Arbeitsfreien Sonntag» gelungen, in Facebook ein Thema zu besetzen, dass durchaus polarisiert («Ich will aber am Sonntag einkaufen, muss ja auch selbst am Sonntag arbeiten»), aber fernab der medial heiß diskutierten Problemfelder und Konflikte der katholischen Amtskirche steht. Über die Facebook-Seite mit gut dreieinhalb tausen “Fans” ist das Eröffnen eines positiven Kommunikationsraumes möglich. Und es werden Vorarbeiten geleistet, die das Kampagnen-Thema schließlich auch auf die Bühne der etablierten Massenmedien heben, was mit 16.000 TeilnehmerInnen bei der Nicht-Einkaufen-Veranstaltung am 8. Dezember 2010 auch gelungen ist.

    Zusammenfassung

    Organisationen sind im Zeitalter des Social Web noch mehr lernende Organisationen. Spezifische Social Media Projekte können solche einen Lernprozess für eine gesamte Organisation in Richtung Öffnung und Partizipation anstoßen, ersetzen aber keine notwendigen Organisationsentwicklungsprozesse. Beteiligungsangebote müssen ernst gemeint sein, wenn Ehrenamtliche und Aktivist_innen zu Multiplikator_innen werden sollen. Facebook-Seiten dienen zum Aufbau einer Community, sind eine Dialog-Plattform und sollten nicht als weiterer PR-Kanal missverstanden werden. Die Qualität einer Facebook-Seite misst sich nicht an der Zahl der Kontakte (der Fans), sondern an der Quantität und Qualität der Interaktion, die dort passiert oder von dort angeregt an anderen Stellen Impluse setzt für Kommunikation, Vernetzung und Mobilisierung. Eine für alle Beteiligten und Interessierten sinnvolle Facebook-Seite, das ist nicht immer einfach hinzubekommen. Nur wer sich ein Stück weit auf die Grammatik der Kommunikation im Social Web einlässt, wird dort authentisch und passend kommunizieren. Dabei kann und soll die Seite auch aktiv mit anderen Web-Aktivitäten der Organisation vernetzt werden.

    Als Tipps und Tricks gibt es hier eine Checkliste für eine Facebook-Seite “mit Potential”. ;-)

    • Hast du ein aussagekräftiges Profilbild mit Wiedererkennungswert? Ist es so gewählt, dass der Ausschitt für das Miniaturbild passt? Das wird am öftesten gesehen.
    • Sind die Info-Reiter ausgefüllt, übersichtlich und auch wirklich informativ. Hol dir Feedback, wie diese Informationen bei anderen ankommen, was für dich selbstverständlich ist, ist für andere zu viel oder zu wenig.
    • Die Startseite kann und sollte für Neuankömmlinge konfiguriert werden, du willst sie als Fans gewinnen.
    • Biete einen Medienmix. Stell Fragen und bitte nicht laufend nur solche Fragen, ob die “Fans” auch zu den Veranstaltungen kommen. Bilder, Video und kommentierte interessante Links werden am meisten geteilt. Fragen bekommen am ehesten Kommentare. Trau dich, auch kontroversielle Themen anzusprechen.
    • Setz dich mit deiner Zielgruppe auseinander. Was weißt du über eure Fans? Wie ticken die? Welche Sprache verwenden sie?
    • Bewirb die Facebook-Seite auf anderen Kanälen (und hol dir dazu eine “Vanity Url“): der Website, im Blog, via Twitter, im Newsletter und deiner E-Mail-Signatur. Und mach die anderen Kanäle auf der Facebook-Seite transparent, binde deinen YouTube-Kanal ein, die Fotos von flickr, deine Blog-Feeds. Hast du eine interaktive, dynamische Like-Box auf der Website oder im Blog?
    • Überflüssige Reiter ohne Information machen alles unübersichtlich und unaufgeräumt. Entfernen.
    • Kein Kontrollwahn, bilde dir nicht ein, nur du kannst Administrator_in sein. Verteilt die Admin-Rechte und -aufgaben auf mehrere Personen. Binde aktive Fans als Administrator_innen ein.
    • Wirf nicht mit Einladungen zur Seite um dich, wenn dort noch nichts passiert. Fang mit einer Startphase an, poste Inhalte auf die Pinnwand, entwickle den Stil der Seite und geh dann mit Einladungen an andere heran.
    • Die Welt dreht sich nicht um Dich! Poste nicht nur eigene Inhalte auf die Pinnwand der Seite, sondern noch mehr interessante Inhalte anderer.
    • Ein privates Profil ist ein privates Profil für eine Person und keine geeignete Form der Präsenz von Organisationen, Kampagnen oder Themen auf Facebook! Falls Du sowas trotzdem hast, stelle möglichst rasch auf eine Seite um!