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  • Die Hungerlohnpartei

    Eine Fallgeschichte fast ohne Netz

    «Hast du Lust, dich an Flashmob-Aktionen zu beteiligen? Gib uns deine Handy-Nummer und dann lass uns zu dem per SMS gesendeten Zeitpunkt zusammen in einer bestreikten Filiale, in der Streikbrecher arbeiten, gezielt einkaufen gehen.»
    Verdi-Flugblatt, Dezember 2007

    Social Media und Gewerkschaftsarbeit haben sich gegenseitig viel zu bieten. In vielerlei Hinsicht. Die «Vereinigte Diensleistungsgewerkschaft» (ver.di) in Deutschland hat verhältnismäßig früh und vielversprechend begonnen, mit Social Media zu arbeiten. Sie hat Experimentierfreudigkeit gezeigt im Einsatz des als WatchBlog konzipierten «Schwarzbuch Weblog» zu den Praktiken beim Handelskonzern Lidl, bei pfiffig subversiven Flashmobs oder auch bei der Aktion «Hungerlohnpartei». Diese guten, weil kreativen, engagierten und wirkungsvollen Ansätze haben sich jedoch etwas verlaufen angesichts einer noch fehlenden Strategie bei der Pflege des Umganges in und mit dem Netz. Das Motto scheint vorsichtig zu lauten, «Viele üben sich konsequent im Umgang mit Social Media. Wir zögern noch!»

    Wahlwerbung der Hungerlohnpartei

    Wenige Tage vor der für den 27. September 2009 angesetzten Bundestagswahl taucht am 22. September angesichts eines riesigen Großplakates in Sichtweite des Reichstages an der Brandmauer des Hauses Schiffbauerdamm 19 mitten in Berlin die Frage auf, «Hungerlohnpartei? Wer is denn das, was soll das denn sein?!». Eine neue Kleinpartei hat sich ihr Hauptanliegen, die Verhinderung eines gesetzlichen Mindestlohns, an die Brust geheftet und wirbt im großen Stil. Im unteren Bereich des Blow-Ups dann der Satz: «Die große Mehrheit ist für die Einführung des gesetzlichen Mindestlohns. WIR NICHT!» Die Ausrufe auf der Straße, auf Twitter und in Blogs lauten recht einhellig, «großgroßgroßgroßartig!». Die Umgebung des Berliner Regierungsviertels ist in Aufruhr, von Passant_innen gemachte schnelle Schnappschüsse machen in sozialen Netzwerken die Runde. Das erste so getwitterte Bild über den Annalist Account wird allein in der ersten Stunde über 30 mal in Tweets weitergeleitet und bejubelt. Bald stellt sich die Frage, wer sich hinter der Hungerlohnpartei verbirgt, die da für ein schrankenloses Lohn-Dumping einsteht.

    Die Vermutung «Das kann doch nur ‘n Fake sein!» liegt angesichts der auf dem Blow Up abgebildeten Politprominenz (Merkel, Westerwelle & Guttenberg) nahe. Im Netz verbreitet sich der Link zum Webauftritt der Hungerlohnpartei schnell, ver.di wird als Urheber ausgemacht, die Links zur Mindestlohn-Info und -Initiative werden angeklickt, die Aktion wird mit großer Zustimmung aufgenommen. Bei manchen im so genannten Real Life ist die Irritation groß. «Es hat schon Diskussionen und Aufregungen gegeben. Auch das Blow Up im Regierungsviertel hat für Aufmerksamkeit gesorgt. Da haben sich viele Abgeordnete aufgeregt», konstatiert Bernd Steinmann von ver.di. Das Aufsehen, das eine der vielen sonst unter dem Radar der öffentlichen Aufmerksamkeit durchtauchenden Kleinparteien erregt, ist erheblich. Auf der Straße werden Vermutungen ausgetauscht, wer diese Hungerlohnpartei sei, wer dahinter stecke und Bemerkungen gemacht wie, «Geile Aktion! Und ja, stimmt, dafür stehen die ja auch wirklich.» Wer, “die”? Ver.di zeigt es auf und verdeutlicht, wofür “die” stehen.

    Kampagnen-Seite für den Mindestlohn Großplakat im Berliner Regierungsviertel Das Mindestlohn-Blog dokumentiert, die ARD Tagesthemen haben die Hungerlohnpartei gefeatured  

    DIE HUNGERLOHNPARTEI ALS TEIL DER MINDESTLOHN-KAMPAGNE
    ➊ Die Aufdeckung der Politik der “Hungerlohnpartei” ist Teil der ver.di Kampagne für den Mindestlohn. Die Website der Hungerlohnpartei verweist daher auch auf die Homepage der Mindestlohn-Kampagne.
    ➋ Auf einem YouTube-Video dokumentiert: unter dem Großplakat der «Hungerlohnpartei» ist ein Mural, ein großes Wandgemälde, des Künstlers Ash mit «Stimmen für den Mindestlohn» gemalt worden. Mit dem Einholen des Plakats wird es sichtbar.
    ➌ Das schon viel länger als die Aktionen laufende «Mindestlohn-Weblog» von ver.di dokumentiert «alle Meinungen und Diskussionen zum Thema Mindestlohn». Hier sind die Schritte vor, während und nach den Aktionen rund um den Wahlkampf 2009 mitverfolgbar und auch die Erwähnung der «Hungerlohnpartei» in den ARD-Tagesthemen ist festgehalten.

    Videos von dieser ver.di-Aktion finden sich auf dem «Mindestlohn-Blog» sowie auf YouTube. Mit der Hungerlohn-Kampagne zugleich lief in 100 deutschen Kinos ein ver.di-Werbespot namens «Klar zur Wahl. Gegen Markt radikal.» Der Kommunikationsguerilla-Aktion der «Hungerlohnpartei» gingen zahlreiche andere, von ver.di wiederholt initiierte Aktionen und Kampagnen für den Mindestlohn voran. In den Tagen vor der Bundestagswahl 2009 finden Flashmobs dezentral in vielen Städten statt. 2007 etwa gibt es bereits eine Mindestlohn-Tour durch Deutschland. Seit 2006 wird mit einigem Aufwand das «Mindestlohnblog» betrieben, auf dem alle Aktionen und Kampagnen dokumentiert sind. Das Archiv des Blogs weist 2011 bereits über 1.500 Einträge auf.

    Das Echo auf die Hungerlohnpartei

    In den klassischen Massenmedien war von der «Hungerlohnpartei» wenig zu sehen oder zu hören. Zumindest die ARD hat die Kampagne zu einem ihrer Tagesthemen gemacht. Angesichts der fehlenden Berichterstattung bedauert Bernd Steinmann (ver.di): «Wir waren so kurz vor der Bundestagwahl dran, dass die Medien unsere Aktionen nicht mehr aufgenommen haben. Das war schade.» Eine Suche nach dem Begriff “Hungerlohnpartei” bei Facebook bringt überhaupt keinen Treffer, was vermuten lässt, dass die Kampagnenleitung den Medienkanal Facebook nicht genutzt hat. September 2009 mag vielleicht zu früh für eine Fruchtbarmachung von Facebook gewesen sein, heute aber sollte keine Gewerkschaft mehr an Facebook vorbeikommen – aus dem einfachen Grund, da die eigene Zielgruppe, Betriebsräte, Arbeitnehmer_innen und natürlich auch viele Funktionär_innen, “im” Facebook schon vertreten und teilweise auch aktiv sind. Jetzt, 2011, ist es für ver.di wie auch für andere Gewerkschaften selbstverständlich, Nachrichten und Informationen über diese Kanäle und Netzwerkstrukturen zu verbreiten. Dass eine kritische Haltung dem Unternehmen Facebook gegenüber und die Nutzung seiner Plattform keinen Widerspruch darstellen, zeigen die über Facebook vertriebenen Infovideos und praktischen Hilfestellungen für einen Facebook-kritischen Umgang mit der Infrastruktur. Aber auch in anderen Social Media fand die «Hungerlohnpartei» nur geringe Resonanz. Und das trotz der ersten viralen Meldungen über Twitter und des einhellig die Aktion bejubelnden positiven Echos.

    Es gibt sie, die Blogposts zur Aktion. Nach der ersten Welle berichteten aber enttäuschend wenige über die ver.di-Aktion via Blogs und Twitter. Die Blogsuchmaschine von Google weist 45 Treffer aus. Die Zahl der in Deutschland beheimateten Blogs soll vorsichtigen Schätzungen zufolge immerhin mehr als drei Millionen ausmachen. Auf Twitter fand das Wort «Hungerlohnpartei» laut Suchmaschinen 26 Mal Erwähnung. Auch wenn dieser Begriff nicht annähernd alle Tweets erfasst, zum Zeitpunkt der Bundestagswahlen machten rund 200.000 Deutsche aktiv beim Microblogging-Dienst Twitter mit. Das geringe Echo trotz der gelungenen Irritation, die das großformatige Plakat in Berlin verursacht hat, muss in dieser Relation gesehen werden.

    Kommunikationsguerilla bringt den Kern der Wahrheit ans Licht

    Merkel, Westerwelle und Guttenberg stehen 2009 vor wie auch nach der Bundestagswahl de facto für schrankenloses Lohndumping und Löhne, bei denen arbeitende Menschen hungern müssen. Das ist faktisch klar, aber niemals würde mensch so etwas «expressis verbis» sagen. Das tut mensch nicht, das raubt uns den Atem, lässt uns einander auf der Straße Blicke zuwerfen und nachschauen, wie die anderen darauf reagieren. Manchen bleibt die Luft weg. Der erste Eindruck, dass das übertrieben ist, macht dem längeren Grübeln und der Diskussion Platz. Die Diskussion führt zum Ergebnis, dass da etwas dran ist, nein, dass das eigentlich ja tatsächlich stimmt. Dieser Moment hat etwas Befreiendes: die Dinge beim Namen nennen. Wer das kann, dem, der oder denen zollen wir Anerkennung. Mit dem haushohen Plakat der «Hungerlohnpartei» hat ver.di das geschafft, hat die übliche Rhetorik durchbrochen und einen wahren Kern freigelegt. Viel offensichtlicher noch als im “Untertitel” des Plakats «Die große Mehrheit ist für die Einführung des gesetzlichen Mindestlohns. WIR NICHT!» stehen Merkel, Westerwelle und Guttenberg sichtbar für das ein, wofür sie wirklich einstehen.

    Die Technik nennt sich «subversive Affirmation», das Plakat ist natürlich ein «Fake». Subversive Affirmation und Fake sind Techniken aus dem Werkzeugkasten der Kommunikationsguerilla. Anhand verschiedener Techniken der Kommunikationsguerilla werden bestehende Diskursordnungen in ihren ebenso selbstherrlichen wie selbstverständlichen Konstitutionen entlarvt und unterwandert; durch Verfremdung, Camouflage, Remixen etc. Die Selbstverständlichkeit diskursiver Prozesse wird aus den gutgeschmierten Angeln gehoben. Eingefleischte Sprachregelungen und Erwartungshaltungen werden unterlaufen, in ihrer vermeintlichen “Natürlichkeit” entstellt und als Folgen der Disziplinierung ausgewiesen. Die Pointe ist: nicht in der üblichen und erwarteten Art und Weise zu reagieren, also die Verhinderer eines gesetzlichen Mindestlohns nicht für ihre Blockadehaltung anzugreifen und den Mindestlohn zu fordern. Das führt in die immer gleiche Spirale der von PR-Agenturen gelenkten Kommunikation. Selbst der Vorwurf, dass jene, die aktiv gegen einen gesetzlichen Mindestlohn eintreten, sich damit bereit erklären, Löhne und Gehälter in Kauf zu nehmen, von denen die Arbeitnehmer_innen nicht leben können, die “Working Poor”-Klasse produzieren und die als “Hungerlöhne” zu bezeichnen sind, selbst dieser Vorwurf wird in der Kommunikation der Politarena zu einer gemeinen Unterstellung. Jene, die fordern und anderen etwas vorwerfen, erscheinen in der öffentlichen Wahrnehmung schnell als Störenfriede und Unzufriedene – schlimmstenfalls als machtlose Schreihälse. Die subversive Affirmation dreht den Spieß um. Wofür Merkel und Co. einstehen, wird nicht kritisiert, sondern im Gegenteil zustimmend unterstrichen. Im Wahl-Slogan der «Hungerlohnpartei» verdichtet sich diese Position, sie spitzt sich in einem Maße zu, in dem die sonst in CDU- und FDP-Universen so selbstverständlichen Aussagen zu gesetzlichen Mindestlöhnen plötzlich irritierend und verstörend wirken. Merkel und Co. werden demaskiert, wie es sonst nur brillante Satiriker_innen des politischen Kabaretts zu tun imstande sind. Darauf lässt sich gewerkschaftliche Kommunikation aufbauen, das ist das, was Kommunikationsguerilla-Aktionen leisten können.

    Im Hinblick auf künftige Aktionen stellt sich also die Frage: Was macht eine Web-Kampagne erfolgreich? Um das beantworten zu können, sind zwei Dinge zunächst getrennt voneinander zu betrachten: zum einen die Art und Weise der zu erbringenden kommunikativen Leistungen; zum anderen die zu erfüllenden technischen Voraussetzungen. Es muss gelingen, die eigene Community zu aktivieren. Idealerweise sollte eine Kampagne auch über den engeren Kreis ohnehin Beteiligter und einschlägig Interessierter hinaus Echo finden. Um sich in diesem Sinne als Informationsdrehscheibe einen Namen zu machen, ist es von Bedeutung, bislang gut in und mit der Community gearbeitet sowie gute vertrauenswürdige Vernetzungsarbeit geleistet zu haben. Als die ersten Tweets mit Bildern des Großplakats die Runde machen, durchaus auch von bekannten Multiplikator_innen retweeted werden, dann die von der Netzcommunity gefundene Website der Hungerlohnpartei weitergeleitet wird und Blogs von der Aktion berichten, bekommt ver.di das nicht mit. Es gibt keinen Dialog mit denen, die die Aktion bejubeln. Auf dem Mindestlohn-Blog werden die Blogeinträge anderer nicht verlinkt, wahrscheinlich gibt es kein Monitoring und sie sind gar nicht wahrgenommen worden. Ob die im Netz so relevanten NachDenkSeiten die Aktion verlinkt und gutgeheißen hätten, vielleicht sogar etwas dazu geschrieben hätten, ist müßig zu überlegen, weil sie wohl nichts mitbekommen haben. Keiner kommuniziert mit den applaudierenden Menschen im Netz, niemand versorgt sie mit weiteren Infos und hält sie bei der Stange, geschweige denn arbeitet mit ihnen. Dabei hatte ver.di in dieser Hinsicht frühzeitig und durchaus vielversprechend begonnen.

    Vom Schwarzbuch zum WatchBlog

    Nachdem die Gewerkschaft ver.di im Dezember 2004 mit ihrem «Schwarzbuch Lidl» das öffentliche Interesse auf die damals noch weitgehend unbekannten beziehungsweise ignorierten, dabei äußerst fragwürdigen Arbeitsbedingungen bei dem Billig-Discounter LIDL lenkt, folgt im Jahr 2005 das dazugehörende «Schwarzbuch Weblog». Die Idee zu diesem Schritt hatte der Pressesprecher von ver.di. Das Ziel des Blogs besteht darin, das LIDL-Schwarzbuch online weiterzuschreiben. Lidl-Beschäftigte bekommen dadurch die Möglichkeit, in eigenen Kommentar-Beiträgen über ihre Arbeits- und Vergütungsbedingungen zu berichten. In die Diskussion auf dem Blog greift ver.di nur ein, wenn sich mögliche Nachteile für die Kommentator_innen abzeichnen oder es zu Beschimpfungen und Beleidigungen kommt. In dieser Hinsicht handelt es sich beim «Schwarzbuch Weblog» um ein WatchBlog, das den bei Lidl Beschäftigten einen geschützten Kommunikationsraum bietet. Sie können sich untereinander vernetzt mit der Fragwürdigkeit ihrer Arbeitsbedingungen auseinandersetzen, Erfahrungen austauschen und dokumentieren. Verschiedene Zeitungen und Zeitschriften wie der Spiegel werden auf das «Schwarzbuch Weblog» aufmerksam: sie knüpfen an die darin dokumentierten Erfahrungsberichte an und berichten alsbald über das auf Kosten der Arbeitnehmer_innen entwickelte Geschäftsprinzip von Lebensmitteldiscountern.

    Etwas später setzt ver.di gemeinsam mit der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) das «Mindestlohn Weblog» auf, um die Forderung nach einem gesetzlichen Mindestlohn in eine an der Diskussion auch partizipierende Öffentlichkeit zu tragen. Hier geht es bereits weniger darum, dass Beschäftigte über ihre Erfahrungen berichten, als vielmehr darum, eine Diskussion zum Thema Mindestlohn anzustoßen. Eine sich aktiv an der Diskussion beteiligende Öffentlichkeit soll angesprochen und im Hinblick auf die Forderung eines gesetzlich verankerten Mindeslohnes versammelt und erweitert werden. Wie oben erwähnt, werden die Aktionen im ganzen Land dokumentiert, bei denen die Beteiligung in Summe vieler Menschen zu sehen ist. Aber diese Menschen können im Blog nicht kommentieren. Es gibt keine “Teilen”-Funktion, die mit einem Klick Beiträge auf Facebook oder über andere Kanäle weiterleitet. Es gibt keine Blogroll, keine Anbindung an eine potentiell interessierte Netzgemeinde. Das alles, wie gesagt, obwohl ver.di eigentlich sehr gute Erfahrungen mit der Beteiligung aus der “Cloud” hat.

    Flashmob «lasst uns gezielt einkaufen gehen»

    Bei einem Flashmob versammeln sich Aktivist_innen kurzfristig an einem Aktionsort, wo sie für kurze Zeit durch aufeinander abgestimmte, aus dem gewohnten Rahmen fallende Handlungen für Irritationen sorgen. Ver.di hatte im Rahmen eines Arbeitskampfes rund einstündige Aktionen organisiert. Dabei suchen 40 Personen gleichzeitig eine Einzelhandelsfiliale auf: shoppen gehen, dem Konsum frönen. Die Einkaufswagen werden vollgepackt und dann mitten in der Filiale stehen gelassen. Durch den massenhaften Kauf von einzelnen billigen Artikeln entstehen außerdem lange Schlangen an den Kassen. Trotzdem, die Kassierer_innen brauchen nicht hetzen, sie haben keine Eile. Diese seltsam koordiniert wirkenden Aktionen spielen sich hauptsächlich im Jahr 2007 ab und betreffen Lebensmittelhändler ebenso wie den Sporthandel. Das Ganze passiert also in einer Zeit, als Facebook, Twitter & Co. für die meisten ein Buch mit sieben Siegeln sind, insbesondere auch für die Gewerkschaften. Der ver.di-Landesbezirk Berlin-Brandenburg bereitet diese Flashmobs mittels Flugzettel und der eigens eingerichteten Website “dichtmachen.de” vor. Dort heißt es: «Hast Du Lust, Dich an Flashmob-Aktionen zu beteiligen? Gib uns Deine Handy-Nummer und dann lass uns zu dem per SMS gesendeten Zeitpunkt zusammen in einer bestreikten Filiale, in der Streikbrecher arbeiten, gezielt einkaufen gehen …».

    Zwei Jahre später, am 22. September 2009 ist die Empörung der Arbeitgeber_innen noch einmal groß. Der Anlass: Das Bundesarbeitsgericht hat entschieden, dass zu den gewerkschaftlichen Arbeitskampfaktivitäten auch das Mittel des «Flashmobs» gehört. Der Handelsverband Berlin-Brandenburg hat gegen die von ver.di unterstützten Einkaufsgewohnheiten geklagt und war ins Leere gelaufen. Auch wenn aus der ver.di-Bundeszentrale angesichts des Rechtsstreits nur vermeldet wird, Flashmobs seien, wenn überhaupt, “eine regionale Angelegenheit”, so stellen diese Erfolge im Tarifstreit ein weiteres und nicht wenig eindrucksvolles Beispiel dar für die Effizienz moderner Kommunikationsmittel bei betriebs- und tarifpolitischen Auseinandersetzungen, organisiert von ver.di Berlin-Brandenburg mittels einer Website und telefonisch vereinbarter Flashmobs.

    Stillstand oder gar Rückschritt: Was ist passiert?

    Die deutschen Gewerkschaften – und ganz besonders ver.di – stehen den Soziale Netzwerke-Plattformen und ganz besonders Facebook eher skeptisch gegenüber. Ein Indiz hierfür ist es, dass ver.di gerade damit beschäftigt ist, selbst ein Soziales «Mitgliedernetz» exklusiv für die eigenen Mitglieder anzubieten und auf dessen Wachstum hinzuwirken. Wer sich jedoch in die eigenen vier Wände – selbst wenn es nur virtuelle sind – zurückzieht und versucht, sein eigenes Süppchen zu kochen, koppelt sich ab vom grundsätzlich offen organisierten Web 2.0. Es ist illusorisch anzunehmen, dass ein YouTube-Video in einem exklusiv zu einer Gewerkschaft gehörenden “Sozialen Mitgliedernetzwerk” einfach eingebunden, “embedded” wird. Bei der deutschen IG Metall (IGM) etwa ist es schon technisch unmöglich, dass deren Mitarbeiter_innen ein YouTube-Video auch nur ansehen können. Die System-Administrator_innen der IGM befürchten, über diesen Weg schädliche Software ins Haus zu holen. Deshalb wurde die Möglichkeit, YouTube-Videos anzusehen, gleich ganz unterbunden. Das führt dazu, dass etwa ein politischer Sekretär in der örtlichen Verwaltungsstelle oder eine Referatsleiterin der Grundsatzabteilung der IGM-Zentrale ein auf YouTube hochgeladenes Video vom Auftritt des eigenen IGM-Vorsitzenden überhaupt nicht ansehen kann.

    Die gleichen Erfahrungen machen Funktionär_innen und Angestellte in den meisten Gewerkschaften immer noch, sei es in Deutschland oder Österreich. Da erklären Abteilungsleiter der IT den Vorsitzenden, dass Wlan im Haus unmöglich zugelassen werden könne und verweigern der internationalen Abteilung Skype für die Vereinfachung der Kommunikation in transnationalen Dachverbänden. Derartige kommunikationstechnische Extratouren führen zwangsläufig ins kommunikationspolitische Abseits. Denn neben dem Umstand, dass alles mit allem irgendwie zusammenhängt, ist außerdem zu beachten, dass Bündnispartner_innen für die eigene politische Position nur durch eine transparente und glaubwürdige Kommunikation zu gewinnen sind. Ad-hoc-Aktionen und einzelne Kampagnen – seien sie noch so gut nachvollziehbar und aufregend konzipiert – finden so lange keinen Resonanzboden, solange ver.di, IGM oder eine andere Gewerkschaft nicht als Akteure wahrgenommen werden, die zum Dialog mit der Web-Öffentlichkeit bereit ist.

    Das «Schwarzbuch Lidl» Arbeitgeber im Einzelhandel klagen gegen Flashmobs Streik.TV berichtet von einem Flashmob in München  

    MIT PARTIZIPATIVEN KAMPAGNEN UND AKTIONEN ERFOLGREICH
    ➊ Das 2004 von ver.di herausgegebenen «Schwarzbuch Lidl», wichtiger Baustein der vielseitigen Lidl-Kampagne, ist schnell vergriffen. Die Autor_innen Andreas Hamann und Gudrun Giese werden mit dem Preis für kritischen Journalismus in der Kategorie Neue Medien-Projekte ausgezeichnet. Es folgt das «Schwarzbuch Lidl Europa», es gibt Übersetzungen in Englisch und Kroatisch.
    ➋ Der Handelsverband Deutschland (HDE) klagt gegen die Flashmobs von Arbeitnehmer_innen und Gewerkschaften, kommt mit diesen Klagen letztlich aber nicht durch.
    ➌ Seit einigen Jahren kann «STREIK.TV» immer wieder von erfolgreichen Aktionen in Tarifauseinandersetzungen berichten. Bei einem Flashmob in München gegen die tariflose Situation in der Versicherungswirtschaft rufen viele Kolleg_innen Call-Center an und belegen die Leitungen.

    Auseinandersetzungen mit einer aktiven, an den Diskussionen und Forderungen partizipierenden Öffentlichkeit können nicht auf einzelne Kampagnen und Aktionen beschränkt bleiben: es bedarf eines kontinuierlichen Austausches, eines auch über längere Zeiträume tragfähigen Kommunikationsnetzwerkes. Und Vernetzen, also ein tragfähiges Kommunikationsnetzwerk aufzubauen, heißt, damit aufzuhören, sein eigenes Süppchen zu kochen, und stattdessen über den Tellerrand hinaus zu blicken, zu sprechen und zu agieren. Angesichts all der Aktionen und Diskussionen, die im Web rund um die thematischen Felder gewerkschaftlicher Arbeit und Kritik (wie etwa gegen die Hartz IV-Auswüchse) stattfinden, also dokumentiert, konzipiert und ausgetragen werden, erscheinen die Vernetzungs- und Anbindungskapazitäten der Gewerkschaften äußerst gering. Erstaunlich ist die Vernachlässigung kommunikationspolitischer Aspekte auch in Anbetracht der durchaus erfolgreichen, mutigen und engagierten Einzelkampagnen und Aktionen wie etwa jene von ver.di, die, bei entsprechender Vernetzung und Anbindung, viel mehr – quantitativ und qualitativ – erreichen könnten.

    In einer Öffentlichkeit, die sich gegen bestehende Arbeits- und Lohnverhältnisse wendet, der daran gelegen ist, herrschende Diskursordnungen zu unterwandern, kann nicht jede_r in eigenbrötlerischer Tüftelei das Rad, das die Welt in Bewegung versetzen soll, jeweils und “nur für sich” neu erfinden: in einer Gegenöffentlichkeit zu agieren heißt inter-agieren – aber nicht nicht um jeden Preis. Gemeinsame thematische Felder und Herangehensweisen sind Verhandlungssache, sie werden austariert, partizipativ im Dialog abgesteckt: sie sind nicht von Lobbyist_innen vorgegebenes Territorium, auf dem man durch gewisse Zugeständnisse einen Platz erwerben kann. Die Positionierung von ver.di hinsichtlich der “Stoppschilder” gegen – vor allem von Lobbyorganisationen so genannte – Urheberrechtsverletzungen im Internet stellt ein derartiges Zugeständnis dar: entgegen der Interessen der im Netz aktiven Mitglieder und im Grunde der eigenen Vernetzungsarbeit zuwiderlaufend, werden von ver.di technische Instrumente eher im Sinne der um ihre Absätze besorgten Musik- und Filmindustrie befürwortet, die User_innen auf die Illegalität einer Download-Plattform aufmerksam machen sollen (“Stoppschilder”) und die durchaus auch geeignet sind, die Überwachung im Netz auszudehnen. Ein blinder Fleck, der bei einem höheren Vernetzungsgrad und bei größerer Anbindung an im Web kursierenden Diskussionen zu Urheberrechtsfragen (etwa die von Wikileaks veröffentlichten Dokumente, die zeigen, dass ein rigoroses Urheberschutzgesetz unter dem gezielten Einfluss der USA in Spanien implementiert werden sollte) nicht hätte auftreten müssen.

    Zusammenfassung

    So erfolgversprechend einzelne Aktionen und Kampagnen prinzipiell auch angelegt sein mögen: zu einer gelungenen Ausführung gehört eine konsequente Vernetzungsarbeit und offene Kommunikationsplattformen. Eine Online-Kampagne steht und fällt mit einer möglichst breiten Verankerung bei den Akteur_innen der virtuellen Welt. Aufeinanderzugehen, Dialogbereitschaft und das Anliegen, anderen Informationen zukommen zu lassen, die über den Informationsgehalt der jeweils betroffenen Kampagne hinausreichen, dürfte Gewerkschafter_innen unter dem Etikett “Basisarbeit” vertraut sein. Das Web 2.0 unterstützt diese Arbeit in zweierlei Hinsicht: Erstens macht es das Verbreiten von Informationen außerordentlich einfach, und zweitens kann es dazu führen, dass die Akzeptanz für gewerkschaftliche Positionen wächst. Letzteres aber nur, wenn das Web 2.0 nicht als Verlautbarungs-Kanal, sondern als das genutzt wird, was es längst schon ist: als Mitmach-Web.

    • Organisatorisch muss festgelegt sein, welche Mitarbeiter_innen mit welcher Funktion aus welchen Abteilungen kommunizieren.
 Hierbei sind der zeitliche Umfang, die inhaltlichen und formalen sowie sprachlichen Aspekte der zu leistenden Kommunikation zu bestimmen.
    • Moderne crossmediale Kommunikation bedeutet, neben den konventionellen Medien-Kanälen Print, Radio, TV und Events auch die Web 2.0-Kanäle zu berücksichtigen. Neben Blogs und Microblogs sind zudem die Möglichkeiten eines Podcast- und Web-Video-Einsatzes zu berücksichtigen, die schließlich in die Netzwerk-Strukturen des Web 2.0 überzuleiten sind.
    • Identifizierung von Stakeholdern und Bündnispartnern, die sich unter den Freunden, Fans (Facebook), Followern (Twitter) und Abonnenten (Blogs & Feeds) befinden. Anschließend erfolgt die Vernetzung dieser Personengruppen über Hyperlinks, Kommentare, Blogroll oder ein schlichtes «Gefällt mir».
    • Denken, planen und handeln in allen drei Dimensionen!
    • Ob eine beauftragte Agentur den Erwartungen an Web 2.0-Kommunikation entsprechen kann, ist regelmäßig zu hinterfragen. Diese muss unmittelbar sein und verlangt ein hohes Maß an Kompetenz, um den anderen Netz-Akteuren gegenüber glaubwürdig zu erscheinen.
    • Antworten im Netz nicht erst durch Gremien absegnen. Der über die digitalen Kanäle geführte Dialog ist mitunter so schnell, dass lange Antwortzeiten auf Grund von innerhalb der Organisation vorzunehmender Abstimmungsverfahren einen erheblichen Nachteil darstellen.
    • Wer es versäumt zu beobachten, wer im Netz was über einen selbst sagt, darf sich nicht wundern, wenn Diskussionen in die falsche Richtung laufen. Ein unterlassenes Monitoring der im Web 2.0 diskutierten Inhalte ist grundsätzlich zu vermeiden.
    • Wer Diskussionen im Netz anstößt, um sie dann hinter verschlossenen Türen (Mitgliedernetzwerk und dergleichen) fortzuführen, setzt sich schnell dem Vorwurf aus, intransparent zu agieren und an einer offenen Diskussion mit möglichst vielen Akteur_innen nicht interessiert zu sein.
    • Ein uni-direktionale Kommunikationsstrategie ist tunlichst zu unterlassen. Nur wer andere ernstnimmt, wird selber auch ernstgenommen. Netzwerken im Web 2.0 lebt ebenso wie herkömmliches Netzwerken von der Pflege von Kontakten.
    • Dass Mitarbeiter_innen der Organisation wegen Bedenken der IT-Abteilungen nicht einschränkungslos im Web 2.0 kommunizieren können, vereitelt eine erfolgreiche Web 2.0-Kampagne, noch bevor sie überhaupt gestartet worden ist.