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  • Das Josefinische Erlustigungskomitee

    Bürger_innen wehren sich gegen einen bauwütigen Investor und undemokratische Politik

    «Allen Menschen gewidmeter Erlustigungs-Ort von Ihrem Schaetzer.»
    Kaiser Josef II.

    Seit Anfang 2008 kämpft das sogenannte Josefinische Erlustigungskomitee mit Hilfe vieler Anrainer_innen und anderen Bürgerinitiativen auf ebenso vielseitige wie auch ungewöhnliche Weise um den Fortbestand des öffentlichen und denkmalgeschützten Barockpark-Ensembles Augarten und gegen den Bau einer privaten Konzerthalle für die Wiener Sängerknaben am Augartenspitz.

    Der Augartenspitz – ein allen Menschen gewidmeter Erlustigungsort

    Wie zuvor bereits andere Teile des Augartens ist aktuell der Augartenspitz durch die Partikularinteressen politisch einflussreicher und finanzpotenter älterer Herren gefährdet, die sich gerne selbst ein Denkmal setzen wollen. Der Augartenspitz ist ein rund 1.700 m² großer Teil des denkmalgeschützten barocken Wiener Augartens, eines Parks sehr nahe dem Stadtzentrum Wiens. An dieser Stelle der Anlage hätte der Sängerknaben-Präsident Eugen Jesser (2008 verstorben) gerne zusätzlich zur großzügigen Unterbringung der Wiener Sängerknaben im barocken Augartenensemble eine Konzert- und Probemöglichkeit für «seine» Knaben. Benötigt würden in unmittelbarer Nachbarschaft des Internats doch nur «ein paar Quadratmeter», deren Verbauung die Gegend zusätzlich «aufwerte». Hedgefonds-Manager und Großinvestor Peter Pühringer verspricht ein paar seiner durch Immobilien- und Finanzspekulationen erwirtschafteten Millionen für ein würdiges Gebäude an einem repräsentativen Platz (ein «Geschenk an die Stadt») und liefert gleich – ohne Ausschreibung – seinen Schwiegersohn als Architekten dazu. Wirtschaftsminister Bartenstein interpretierte seine Rolle als Eigentümer_innenvertreter des öffentlichen Besitzes und Grunds so, dass er dem Hedgefonds-Manager das beliebte Parkgelände günstigst vermietet und zur Nutzung überlässt. Und nicht zuletzt ist der Wiener Bürgermeister Michael Häupl dem Aushängeschild Wiener Sängerknaben bzw. deren Leitung auf ewig verbunden, gibt Jesser bei einem privaten Abendessen sein Okay für den Bau im Augarten und erstickt jeden demokratischen Entscheidungsprozess im Keim. Soweit der typisch österreichische Politskandal, der zuallererst mit Hilfe eines Machtkartells aus Wirtschaft, Politik und Burschenschaftlern zustande kommen konnte.

    Alle Einsprüche, Bitten und Versuche der Bürgerinitiativen, doch an einem runden Tisch über die Sache zu sprechen, stoßen jahrelang auf Ignoranz. Die übliche, professionelle Öffentlichkeitsarbeit spricht gegenüber den Massenmedien von Dialog, während realiter jede Bürger_innen-Beteiligung verhindert wird. Ein monatelanger, mühevoller Leitbildprozess der Gemeinde Wien, bei dem gemeinsam über die Zukunft des Augartens bestimmt werden soll, verkommt zur – von relevanten Stellen unbeachteten – Farce. Viel zu spät bescheinigen Expertisen hoch angesehener Rechtsexperten, dass der Bescheid für das Bauvorhaben nicht rechtskonform erstellt wurde. Auch die Volksanwältin kann nicht verhindern, dass Baumaschinen den notwendigen Bescheiden voraus rollen und so vollendete Tatsachen geschafft werden.

    Eine Park-Besetzung gegen den Baumaschinenaufmarsch

    Den Aktivist_innen bleibt schließlich keine andere Wahl, als im Frühsommer 2009 ihre Zelte auf dem Gelände aufzuschlagen und den Park zu besetzen. Den Auslöser liefert die versuchte Inbesitznahme des Geländes durch die Bauwilligen in Form erster Probebohrungen, die allerdings ohne Genehmigung vorgenommen wurden. Die Aktivist_innen sind bemüht, alles möglichst lückenlos zu dokumentieren und Informationen schnell über Presse und Internet zu verbreiten. Die Besetzung wird per Blogs, Facebook, Fotos auf Flickr, Filmen auf YouTube und Live-Streams dokumentiert, vor Ort gibt es Infostände, Permanent Breakfast, Kultur- und Kinderprogramm.

    Mehrfach wird in den folgenden Monaten das Gelände geräumt, Sondereinsatzkräfte gehen frühmorgens gegen Anrainer_innen vor, später kommen immer wieder auch private “Sicherheitskräfte” hinzu, die nächtens unter den Augen der untätigen Polizei gegen die Besetzer_innen aktiv werden. Bis nach Japan (!) wird über die skandalösen Vorgänge berichtet. Am 8. März 2010 soll schließlich tatsächlich gerodet werden. Etwa zehn Aktivist_innen klettern auf die Bäume und halten bis zu 32 Stunden bei Minusgraden in den Baumkronen aus, auch als mit Kettensägen auf gefährliche Weise die Äste rund um sie geschnitten werden. Das geräumte und verwüstete Gelände wird in einen Hochsicherheitstrakt verwandelt (inklusive Stacheldraht, Scheinwerfern und Wachhunden). Die Aktivist_innen werden immer wieder eingeschüchtert, erhalten anonyme Drohbriefe und werden mit gerichtlichen Klagen eingedeckt.

    Das Erlustigungskomitee, eine Bürgerinitiative der anderen Art

    Das Josefinische Erlustigungskomitee wird im Frühling des Jahres 2008 von besorgten Menschen rund um die Künstlerin und Restauratorin Raja Schwahn-Reichmann ins Leben gerufen. Das deklarierte Ziel ist, barock-bacchantische Mahnwache über den Augarten zu halten, namentlich über das berühmte «Augartenspitzerl, auf dass es dem Volke zur Erlustigung nicht verlustig gehe».

    Nicht verbittert oder klagend sondern lustvoll wird auf die einzigartige Schönheit dieses Platzes und die Bedrohung durch den Bau eines “Konzertkristalls” für die Sängerknaben hingewiesen (dieser Ausdruck wird übrigens von vielen wegen der Assoziation zur “Reichskristallnacht” als pietätlos empfunden). Als Namensgeber der Bürgerinitiative fungiert Josef II., der am 1. Mai 1775 den Park für die Allgemeinheit öffnete. So absurd es klingt, so klar sind die Fakten: Was einst ein Kaiser in einem demokratisierenden Akt dem Volk geschenkt hat, wird dem Volk jetzt von einem privaten Bauinvestor und der sozialdemokratischen Wiener Stadtregierung genommen.

    Videostill des 3. Augartenspitz TrailersBürgerinitiative Erlustigung BarockfestsTransparent der Bürgerinitiative Erlustigung

    WENN ICH NICHT TANZEN KANN, IST ES NICHT MEINE BÜRGERINITIATIVE
    ➊ Der III. Spot für den Augartenspitz von Doris Kittler wurde im Sommer 2010 täglich vor den Filmen des Sommerkinos am Augartenspitz gezeigt.
    ➋ Raja Schwahn-Reichmann bei einem der selbstbewussten, fröhlichen Barockfeste am Augartenspitz. Es wird eingeladen, informiert, getanzt, besetzt und sollte es einmal nichts anderes zu lachen geben, den Baulöwen ins Gesicht gelacht.
    ➌ Ausschnitt eines der zahlreichen Transparente, die im Lauf des jahrelangen Widerstands die Häuser der Umgebung und den Augartenspitz bis in den 5. Stock hinauf zieren. Im eigenen Erlustigungs-Widerstandsdesign (EWD).

    Das Josefinische Erlustigungskomitee dreht den Spieß um und lockt mit Barockfesten, wöchentlichen Mahnwachen, “Erlustigungsmärschen” oder ausgelassenen Picknicks mit lukullischen Freuden, Musik und Kostümen. Es kommen Menschen aus allen sozialen Schichten, Altersstufen, Communities und politischen Richtungen. Das wunderschöne Fleckchen Grün wird von den Stadtbewohner_innen genutzt, gepflegt und gefeiert, um es vor Zerstörung zu bewahren. Rastlose Recherche, Aufdecken von immer neuen rechtlichen und politischen Skandalen, unzählige Pressekonferenzen, Unterstützungserklärungen von 15.000 empörten Menschen, einschließlich 50 prominenter Unterstützer_innen, die sich auch als schützende Baumpaten engagieren, das dadurch generierte Medienecho, all das bringt den Verantwortlichen nicht nur gewaltig schlechte Presse, sondern auch immer wieder lange zeitliche Verzögerungen ihres Projektes, dessen Baubeginn sich von Jahr zu Jahr verschiebt.

    1. Mai-aufm-arsch des Josefinischen Erlustigungkomitees!

    Jedes Jahr am 1. Mai marschieren die Genoss_innen der Wiener SPÖ sternförmig aus den Bezirken zum Rathaus, um dort vor der versammelten sozialistischen Politprominenz ihre Aufwartung zu machen. Irgendwann wurde die Idee geboren, diesen traditionellen Aufmarsch zu nutzen, sich dem Zug der lokalen Bezirksgruppe anzuschließen und so direkt vor das Rathaus zu marschieren. Die genaue Umsetzung wurde bis zuletzt nach außen geheim gehalten, um keine Information an die “Genoss_innen” durchsickern zu lassen. Nicht nur war dieser Tag der 120. Tag der Arbeit, sondern auch der 235. Jahrestag der Öffnung des Augartens für die Bevölkerung durch Josef II.!

    Durch die allgemeine Kundgebungsaktivität und die zahlreichen unterschiedlichen mitziehenden Gruppen war es auch bemühten Genoss_innen aus dem 2. Bezirk, denen sich der lustig-listige Zug anschloss, nicht möglich, die Eindringlinge abzuwehren. Der Erlustigungs-Tross konnte tatsächlich ungehindert vor die Tribüne beim Rathaus aufmarschieren, wo ein sichtlich irritierter Bürgermeister das Schauspiel über sich ergehen lassen musste. Für die Kameras war es ein gefundenes Fressen, so kam die Kundgebung zu dem Vergnügen, auf den meterhohen Monitoren über der Tribüne ausführlich präsentiert zu werden. Ein barockes Outfit mit entsprechend gestalteter Kutsche, Raja Schwahn-Reichmann im roten Kleid mit großer Fahne und eine Aktivistin im “Transparentkleid” – so konnte große Aufmerksamkeit und Zustimmung gesichert werden. Die Lieder «Internationale», «Solidaritätslied» und «Arbeiter von Wien» wurden – so gehört sich das für einen Aufmarsch zum 1. Mai in Wien – auf Kamm und Fagott geblasen und in mehrstimmigen Sätzen gesungen. So wurde den ausgewählten aufrührerischen Liedern ein besonderer Anstrich verpasst. Es war eine recht gelungene Überraschung, viel Applaus und lachende Gesichter, nur wenige zeigten sich “not amused”.

    Das Josefinische Erlustigungskomitee lässt sich seine Lust auf Widerstand nicht verderben. Es bleibt «listig, lästig, lustig» und wartet immer mit einer Reihe sympathischer Ideen und liebevoller Inszenierungen auf. Mit wenig Geld aber viel Liebe zum Detail und reichlich Engagement werden bacchantische Tanzveranstaltungen, Feste, Lesungen, Konzerte, Wanderungen, Filmabende, Märkte, Näh- und Mähstübchen, Pflanzaktionen («Pflanzen gegen die Pflanzerei von oben») etc. veranstaltet. Dabei spielen Ironie, Spaßfaktor und Ästhetik die Hauptrolle. Als Antithese zur aggressiven Wort- und Bildästhetik, wie man sie sonst von Demos und Kundgebungen gewohnt ist, wird Humor als bekannterweise stärkste Waffe gegen Ungerechtigkeit und Lüge eingesetzt: Transparente mit Sprüchen in dramatischer Schreibschrift überraschen und irritieren. Wer mediale Aufmerksamkeit will, muss auffallen und wer auffallen will braucht Ideen, die Inhalte auch optisch und mit einer gewissen Dramatik rüberbringen!

    Inszenierung, Öffentlichkeit und Vernetzung

    Die optisch-dramatische Komponente des Sich-In-Szene-Setzens hilft der Bürgerinitiative, bei diesem Widerstand auf positive wiewohl ebenso freche Art Aufmerksamkeit zu erregen, die schnell und gerne von Presse und Fernsehen aufgegriffen wird. Und Präsenz in der Öffentlichkeit ist – darüber sind sich wohl alle einig – der stärkste und mächtigste Faktor, was Meinungsbildung in Gesellschaft und Politik (von oben und von unten) betrifft. Das heißt: Präsenz im öffentlichen Raum (im Park, auf der Straße, über Transparente auf Häusern, Flugzettel, Plakate und Pickerl), in der massenmedialen Öffentlichkeit (im Fernsehen, Radio, den Zeitungen) und im öffentlichen Raum “WWW” (Websites, Blogs, Videos, Veranstaltungseinladungen auf Facebook usw.).

    Aktionismus im öffentlichen Raum: Aktionismus ist an sich nichts, womit man, insbesondere in Ballungsräumen, unbedingt großes Aufsehen erregt. Was man zu bieten hat muss schon originell sein, eine Geschichte erzählen.
    Das Zusammentreffen des Anliegens (Schutz des barocken Augartenspitzes) mit der Person Raja Schwahn-Reichmanns, die als Barockmalerin und Restauratorin eben dieses Thema zu einem wichtigen Teil ihrer Arbeit erkoren hat (Denkmalschutz im Sinne Natur und Kunst bewahrender, menschenfreundlicher, gemütlicher Umgebung), ist freilich ein besonderer Glücksfall, der nicht konstruiert werden kann. Wenn sich eine solch natürliche Festlegung auf einen bestimmten Stil nicht aufdrängt, ist es sehr zu empfehlen, sich genau darüber Gedanken zu machen, um den Fans ein klares, einprägsames Bild zu liefern. “Corporate Identity”, ein auf einen Blick wiedererkennbares Erscheinungsbild, Symbole, Schriften und Grafik auf Flyern und Plakaten ist immer sinnvoll und hilft vor allem über die lange Zeit des Widerstands als klar wahrnehmbare, selbstbewusste Bürgerinitiative kontinuierlich wahrgenommen zu werden. Der besondere, amüsante und nie langweilige Stil wirkt dabei auch nach drei Jahren noch frisch und fröhlich.

    Öffentlichkeit durch Prominenz: Sehr ratsam für die Öffentlichkeitsarbeit ist Unterstützung durch prominente Persönlichkeiten. Je mehr und je charismatischer lokal beliebte bis weltberühmte Intellektuelle, Menschen aus Kunst, Medien, Wissenschaft, Politik usw. die Ideen und Forderungen der Bürgerinitiative transportieren, desto aufregender und glaubhafter! Im Falle Augartenspitz sind dies mehr als 50 Prominente, die für ein Prominentenkomitee und als Baumpat_innen gewonnen werden konnten, um die Bäume vor der drohenden Fällung zu schützen. Da gibt es Konservative (wie beispielsweise ÖVP-Ex-Politiker Erhard Busek), bekennende SPÖ-Symphatisant_innen (Schauspielerin Erika Pluhar) bis hin zu sogenannten “Linkslinken” (Theatermacher Hubsi Kramar) und natürlich Künstler_innen (z.B. Hollywoodstar Tilda Swinton). Einige engagieren sich gerne und beteiligten sich mit Reden und Musikbeiträgen bei diversen Kundgebungen oder schreiben Kommentare in Zeitungen und den Feuilletonseiten. Kein Fehler ist es natürlich auch, Kontakte zu Fachleuten aufzubauen.

    Prominente Unterstützung für die Bürgerinitiative durch Barbara Albert Robert MenassePetitionen vor dem RathausBesetzung der Baumkronen

    WIDERSTAND AN ALLEN FRONTEN, VON POLITIK UND KAPITAL IGNORIERT
    ➊ Viele bekannte Persönlichkeiten unterstützen die Bürgerinitiative. Die Filmemacherin Barbara Albert und der Schriftsteller Robert Menasse machen als Baumpaten darauf aufmerksam, dass wunderschöne, für Mensch und Tier wichtige Bäume gefällt werden sollen.
    ➋ Am 21. September 2010 werden Wiens Bürgermeister Häupl nicht weniger als 15.000 Unterschriften gegen den Bau einer Konzerthalle am denkmalgeschützten Augartenspitz überreicht.
    ➌ Am 8. März 2010 wird der Augartenspitz gegen passiven Widerstand zum wiederholten Male brutal geräumt. Baumbesetzer_innen harren bei Minusgraden stundenlang in Baumkronen aus, während Zentimeter neben ihnen Motorsägen kreischen.

    Medienarbeit: Aufmerksamkeit der Presse gibt es oft nur wenn es kracht. Selbst individuelle Betreuung der Journalist_innen hilft wenig, wenn man nicht über spannende neue Entwicklungen berichten kann. Die zu vermittelnden Inhalte dürfen nicht zu komplex sein, zu Erklärendes kommt nicht an. Fertig aufbereitetes Material ist wichtig, im Besonderen Fotos, wobei hier Kreativität und Schnelligkeit zählen. Was bereits berichtet wurde interessiert kaum jemanden mehr. Journalist_innen können oder wollen Geschichten nicht selbst transportieren müssen, die Geschichte sollte sich von selbst tragen, also entwickeln wir sie selbst. Was den Medien am Widerstand am Augartenspitz gefällt, ist neben den Aktionen vor allem die Andersartigkeit dieses Protestes.

    Gerade bei den herkömmlichen Medien ist es schwierig, sich gegen die Einflussnahme mächtiger Gegner, wie politischer (Groß-)Parteien oder finanzkräftiger Wirtschaftstreibender mit Beziehungen in die Politik, durchzusetzen. Hier werden die einflussreicheren Kräfte meist vorsichtig behandelt und entsprechend schwierig gestaltet sich dann eine halbwegs neutrale Berichterstattung. Wenn rücksichtslose Gegner in der größten österreichischen Tageszeitung einen “Herz-Schmerz-Artikel” voll falscher Darstellungen, aber mit treuherzigen Kinderaugen geziert platzieren können, dann sind die Machtverhältnisse besonders klar. In solchen Situationen kann man scheinbar wenig tun, aber immerhin lässt sich diese Berichterstattung gut dokumentieren und den protokollierten Geschehnissen gegenüber stellen.

    Präsenz im WWW: Die Social Media Plattformen werden vom Erlustigungskomitee und allgemein von den vernetzten Aktivist_innen seit der ersten Stunde vielfältig verwendet. Natürlich gab es von Anbeginn auch eine SMS-Liste mit Telefonnummern, über die schnell viele Menschen zusammengetrommelt werden können, wenn Feuer am Dach ist.

    An den Möglichkeiten und Werkzeugen des Internet allerdings kommt man ohnehin nicht mehr vorbei. Zum Teil können nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft werden, weil die Inhomogenität der Gruppen das verhindert. So ist manches, was vielleicht selbstverständlich erscheint, nicht einfach realisierbar. Selbst so simple Tools wie doodle.com funktionieren nur, wenn die Mehrzahl der Beteiligten solche Tools auch akzeptiert und anwenden kann.

    Zur Website auf Basis der Blogsoftware WordPress, gleich zu Beginn mit einer einfachen Petition auf iPetitions kam ein Newsletter, bald auch Fotoalben (picasa/Flickr) sowie ein YouTube-, ein Facebook- und ein Twitter-Account. Die Besetzung ebenso wie die Räumungen waren dank Superbertram via Live-Stream mitzuerleben. Den Vorsprung, den große Institutionen oder Apparate bei den herkömmlichen Medien haben, haben in vielen Fällen kleine Initiativen bei den neuen Medien. Hier kommt die Wendigkeit der kleinen Strukturen, der Einsatz von Freiwilligen, die nicht nur zu Bürozeiten im Netz aktiv sind, zum Zug. Die Involvierten und die Interessierten arbeiten zusammen und bauen ihre eigene Gegenöffentlichkeit auf, die freilich auch für die Multiplikator_innen aus Presse, Zivilgesellschaft und Politik zur wichtigen Anlaufstelle wird.
    Bei den Wiener Sängerknaben ist man mit den neuen Möglichkeiten sichtlich überfordert, da helfen auch ausgebildete Öffentlichkeitsarbeiter_innen und großzügige Werbebudgets nichts. Seltsam ungeschickte Versuche, beispielsweise über Facebook der Mobilisierung des Widerstands Paroli zu bieten, scheiterten kläglich.

    Vernetzung mit Sympathisant_innen und anderen Bürgerinitiativen: Am Beginn steht der Aufbau der Kontakte zu Menschen, die sich interessieren oder engagieren wollen. Adressen werden über persönliche Bekanntschaften, die Unterschriftenliste und die Online-Petition und später auch in Facebook zusammengetragen. Das Josefinische Erlustigungskomitee arbeitet seit seinen Anfängen mit verschiedensten Bürgerinitiativen wie «Freunde des Augartens», «Initiative Denkmalschutz» und «Aktion 21» zusammen; aber auch Kulturinstitutionen wie «Filmarchiv Austria» und «Aktionsradius Augarten» oder von politischer Seite die «Grünen Leopoldstadt» beteiligten sich am Widerstand. Später gab es Kontakte zu Bewegungen wie #unibrennt und Stuttgart 21.

    Die Zusammenarbeit ist höchst fruchtbar und funktioniert meist gut. Da Widerstandsarbeit in der Regel langen Atem verlangt und an den Nerven aller zehrt, kommt es bei Bürgerinitiativen natürlich auch zu Missverständnissen und Reibereien. Allein das gemeinsame Ziel schweißt dann zusammen und lässt individuelle Konflikte und persönliche Befindlichkeiten in den Hintergrund treten. Gemeinsame Aktionen verbinden und helfen auch über zähe Phasen hinweg, längere Zeiträume mit monotoner Bürgerinitiativenarbeit sind hingegen eine wirkliche Herausforderungen für jeden Einzelnen, sich in Toleranz und Geduld zu üben. Insgesamt ist die Vernetzung mit anderen Gruppen unumgänglich und auf jeden Fall die Zukunft jeder widerständischen Initiative!

    Die Arbeit mit solchen zusammengewürfelten Gemeinschaften erfordert eine Menge guten Willens und Toleranz. Da müssen der pensionierte Beamte und der junge Anarchist auf einmal miteinander reden, was natürlich nicht immer ohne Friktionen abgeht. Dazu kommen fallweise auch Menschen, die sich immer neue, offene (und in der Öffentlichkeit agierende) Gemeinschaften suchen, sich aber nicht wirklich mit den spezifischen Anliegen identifizieren können oder wollen; manche suchen einfach einen Schlafplatz oder eine Trinkgesellschaft. Die Kunst liegt darin, die Balance zu behalten, die Freude ebenso wie die Widerstandskraft. Es gilt die Fähigkeit jedes Einzelnen zur Geltung kommen zu lassen und ein Zerbrechen der schnell und ungeplant entstandenen Gruppen zu verhindern.

    Zusammenfassung

    Mit zahllosen Veranstaltungen über mehrere Jahre, einer Unterschriftenaktion, einem Prominentenkomitee, großem medialen Echo und auch unter großem körperlichem Einsatz feiert die Initiative ihre größten Erfolge bislang mit der Rettung des barocken Gebäudes und der langen Bauverzögerung des Projektes “Konzertkristall”. Egal wie dieser Kampf endet, eines ist gewiss: Viele Menschen wurden wachgerüttelt und haben gelernt, sich zu engagieren und aufzulehnen.

    • Positive Ästhetik und Botschaften wirken wesentlich stärker und effektiver nach außen! Das gilt für Transparente genauso wie für Slogans, Sprechchöre, Farben, Symbole, Bilder oder Musik.
    • Dokumentation – Alles möglichst lückenlos dokumentieren, sei es mittels Fotos, Videos oder einfach als schriftliche Gedächtnisprotokolle. Rechtliches – möglichst rasch über rechtliche do’s and dont’s informieren.
    • Wer mediale Aufmerksamkeit will, muss auffallen und wer auffallen will braucht Ideen, die Inhalte auch optisch und mit einer gewissen Dramatik rüberbringen!
    • Eine Petition starten – Unterschriften sammeln und die Politik (heraus-)fordern. Sympathisant_innen ist es wichtig, wenn sie zumindest den symbolischen Beitrag einer Unterschrift liefern können.
    • Ein Prominentenkomitee hilft als Rückenstärkung und Sympathiefaktor in der Öffentlichkeit. Und Personen mit Fachwissen sind Gold wert, also Kontakte zu Fachleuten aufbauen.
    • Unabhängigkeit – Die Position gegenüber politischen Parteien festlegen, strikt auf Parteiunabhängigkeit achten!
    • Vernetzung – Gemeinsame Aktionen mit anderen Initiativen verbinden!
    • Keine zu komplexen (Presse-)Texte für die Öffentlichkeitsarbeit verfassen.
    • Negative Formulierungen vermeiden. Keine Gewalt, kein Hass, kein Rassismus, kein Sexismus; das gilt insbesondere auch für Texte auf Transparenten!
    • Die komplexe, zeitaufwändige Arbeit nicht nur 1-2 Engagierten überlassen, sondern die Fähigkeiten möglichst vieler nützen und rechtzeitig auf Aufgabenverteilung achten.