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  • Die Arbeitnehmer-Blogosphäre

    Eine Gegenöffentlichkeit 2.0 der Betriebsräte und Gewerkschaften entsteht

    «Es ist ein zusätzliches Instrument und jede Erweiterung kann nur förderlich sein. Ein persönliches Gespräch oder ein Telefonat kann nicht ersetzt werden. Ein Blog lebt und muss durch Arbeit am Leben erhalten werden. Wenn eine Krise kommt, dann wurde bereits vorgebaut. Wenn die Krise kommt, dann steht unser Blog bereits da!»
    Ein Betriebsratsmitglied

    Blogs sind in der österreichischen Betriebsratspraxis ein relativ neues Werkzeug und Medium. Dennoch gibt es inzwischen viele Betriebsrät_innen, die bloggen. Die Motivation dafür ist meist unterschiedlich und hängt stark von der jeweiligen Unternehmens- und Belegschaftsstruktur ab, dennoch finden sich einige grundsätzliche Gemeinsamkeiten. Im Folgenden sollen die Vorteile der Web 2.0-Angebote im Allgemeinen sowie im Besonderen jene der zunehmenden Blogosphäre dargestellt werden, die sich für Betriebsrät_innen bei Nutzung der neuen Kommunikationsmöglichkeiten ergeben.

    BR-Kommunikationsmittel im Wandel der Zeit

    Die Belegschaft eines Unternehmens hat – ab fünf familienfremden Arbeitnehmer_innen – ein gesetzlich verankertes Recht auf ein Arbeitnehmer-Vertretungsorgan in Form des Betriebsrat (BR). Von der Belegschaft direkt gewählt, vertritt der Betriebsrat die Interessen der Arbeitnehmerseite gegenüber der Arbeitgeberseite; wenn nötig auch mit Unterstützung von Gewerkschaft und Arbeiterkammer. Rechte und Pflichten des Betriebsrates sind im österreichischen Arbeitsverfassungsgesetz (ArbVG) festgelegt. Abhängig von der Belegschaftsgröße, regelt das ArbVG unter anderem, wie viele Betriebsrät_innen ein Betrieb hat und ob einzelne Betriebsratsmitglieder freigestellt werden – oder ihr Betriebsratsmandat neben ihrem Beruf ausüben. Das Amt des Betriebsrats ist ein Ehrenamt, was bedeutet, dass kein gesonderter Entgeltanspruch besteht.

    Zentrale Aufgabe des Betriebsrats stellt nach dem ArbVG neben der Friedenspflicht, der Verschwiegenheitspflicht, der Kooperationspflicht und der Interessenswahrnehmungspflicht wesentlich die Informationspflicht gegenüber der Belegschaft dar. Um Mitarbeiter_innen zu informieren, sieht das Arbeitsverfassungsgesetz zumindest halbjährig abzuhaltende Betriebsversammlungen vor. Darüber hinaus bedienen sich Betriebsratskörperschaften für die weitere Kommunikation klassischer Medien wie der Mitarbeiterzeitung, verschiedener Infoblätter oder Aushängen am “Schwarzen Brett”.

    Durch maßgebliche Veränderungen der Arbeitswelt wie zunehmender geographischer Entfernungen (beispielsweise in Form mehrerer Standorte und Filialen sowie externer Mitarbeiter_innen) oder zeitlicher Zersplitterung (zum Beispiel durch Schichtarbeit oder Teilzeitarbeit) werden regelmäßige Betriebsversammlungen sowie persönliche Gespräche zunehmend erschwert.

    Das Web 2.0 als Kommunikationsmittel zwischen Betriebsrat und Mitarbeiter_innen

    Im letzten Jahrzehnt wurde der E-Mail-Verteiler zu einem der wichtigsten Werkzeuge der Mitarbeiterinformation. E-Mails gehen allerdings immer mehr in der täglichen Flut an E-Mails unter. Um den strukturellen Veränderungen der Arbeitswelt gerecht zu werden, bietet sich die Nutzung verschiedener Web 2.0-Plattformen an, die vor allem ermöglichen, Informationen für Kolleg_innen sowohl rasch zugänglich zu machen – wie auch den Zugriff von verschiedenen Orten und zu selbst gewählten Zeitpunkten sicher zu stellen.

    Das Web 2.0 stellt jedoch nicht nur eine gute Möglichkeit dar, um auf eine veränderte Arbeitswelt zu reagieren. Viele Betriebsrät_innen, die sich nicht nur als Vertretungsorgan sehen sondern entsprechenden Wert auf Partizipation und Mitbestimmung legen, bloggen beispielsweise, um diesem Anspruch in ihrem Kommunikationsverhalten gerecht zu werden. Web 2.0-Dienste sind, im Vergleich zu herkömmlichen Medien wie der Betriebsratszeitung, keine kommunikationstechnische Einbahnstraße, auf welcher der BR schreibt und die Mitarbeiter_innen Beiträge lesen. Durch die Kommentarfunktion und Gastbeiträge, durch die Vernetzung mit anderen BR-Blogs, durch die Anbindung an weitere Social Media Plattformen wie Facebook entsteht stattdessen ein dichter werdendes Kommunikationsnetz, das auf flacheren Hierarchien und mehr Interaktion basiert.

    Natürlich hat die Betriebsratszeitung deshalb längst nicht völlig ausgedient. Vielmehr geht es darum, digitale Medien mit bisherigen Kommunikationskanälen des Betriebsrats zu kombinieren, und je nach Bedarf auch Blogs oder Plattformen wie Facebook für die Informationstätigkeit zu nutzen. Viele Betriebsrät_innen weisen in ihren Blogs beispielsweise auf die neue Ausgabe der BR-Zeitung hin, übernehmen Artikel aus der Zeitung auch in das Blog oder stellen die ganze Zeitung als PDF-Datei zum Herunterladen zur Verfügung.

    Schwierigkeiten in der Kommunikation zwischen Betriebsrat und Mitarbeiter_innen

    Ein allen Interessensvertreter_innen bekanntes Dilemma ist, dass die zu Vertretenden automatisch zugestellte Informationen häufig nicht lesen und erst reklamieren, wenn sie gewisse Informationen aktuell brauchen. 
Die Web 2.0 Komponente von RSS-Feeds hilft dabei, das Dilemma aus der reinen Bringschuld des Betriebsrats und Holschuld der Arbeitnehmer_innen ein Stück weit aufzulösen. Natürlich kann von den Kolleg_innen nicht verlangt werden, Feedreader zu nutzen. Als Alternative bieten die meisten Betriebsratsblogs die Möglichkeit an, neue Artikel in Form gezielt ausgewählter E-Mail-Newsletter zu abonnieren.

    Betriebsrat Caritas SteiermarkVideo von der Betriebsrat Siemens SIS 

    ARBEITNEHMERINNEN SICHTBAR IM UNTERNEHMEN, AUF DER STRAßE, IM WEB
    ➊ Die Abonnent_innen des Caritas Steiermark Betriebsratsblogs sind nicht nur von Veranstaltungen, Kollektivvertragsverhandlungen und zu den Bedingungen in der Branche Sozialer Arbeit bestens informiert. Hier finden interessante Diskussionen statt.
    ➋ Arbeitnehmer_innen müssen sich sichtbar machen, nicht nur im Betrieb und auf der Straße, auch im Web. Mit der «Wir verzichten nicht!» Demo im Mai 2009 findet erstmals eine Gewerkschaftsdemo auf BR-Blogs, Flickr und YouTube einigen Niederschlag.
    ➌ Der Betriebsrat der seit Jahren laufend in Restrukturierungen gezwungenen SIS dokumentiert die Medienberichte über das Unternehmen am “Schwarze Brett” im Web und liegt im Suchmaschinen-Ranking gleich hinter der Firmen-Website.

    E-Mail-Abos werden auf Basis von Blog-Feeds wie beispielsweise mit dem Dienst “Feedburner” in das Blog integriert und sind einfach in der Handhabung. Mit derartigen Strategiewechseln geht es nicht mehr darum, Mitarbeiter_innen zum regelmäßigen Blick ins Intranet oder auf das Schwarze Brett zu bewegen, um sicher zu stellen, dass wichtige Neuigkeiten nicht übersehen werden. Stattdessen wird es wichtiger, die Newsletterfunktion zu bewerben und durch gutes Service im Blog die Belegschaft vom Nutzen des E-Mail-Abos zu überzeugen. Informationen werden somit direkt nach Hause, an den Arbeitsplatz oder auf mobile Endgeräte geliefert.

    Das Blog als Kommunikationsmittel zwischen Betriebsrat und Mitarbeiter_innen

    Bloggende Betriebsräte schätzen vor allem die Schnelligkeit und Flexibilität der Blogs. Tippfehler oder Unverständliches in Artikeln werden von Leser_innen bemerkt und können im Vergleich zu einer Betriebsratszeitung rasch ausgebessert werden. Hinweise auf vertiefende Informationen gehen ein und können ohne großen Aufwand hinzugefügt werden. Auch der Druck eines Redaktionsschlusses fällt weg. Ist ein Thema gerade aktuell, kann sofort ein Artikel gepostet werden. In Betrieben mit einer großen und heterogenen Belegschaft, die sich womöglich noch dazu auf weitläufig verstreute Standorte verteilt, im Schichtbetrieb läuft oder von sehr unterschiedlichen und atypischen Dienstverhältnissen geprägt ist, können Kolleg_innen unabhängig von Arbeitszeiten, Anwesenheiten und räumlicher Separiertheit informiert werden – anders als bei den gesetzlich vorgeschriebenen Betriebsversammlungen.

    Das Betriebsratblog – öffentlich oder intern?

    Entscheidest du dich – oder beschließt eine Betriebsratskörperschaft – ein Blog zu führen, so ist eine Grundsatzentscheidung zu treffen, wie öffentlich sichtbar und auffindbar dieses Blog sein soll. Im Falle des Betriebsrats stellt sich die Frage, ob das Blog (1) zum Beispiel im Intranet installiert nur den Mitarbeiter_innen zugänglich gemacht wird, ob es (2) im Internet aufrufbar aber nicht durch Suchmaschinen auffindbar und also etwas versteckt oder ob es (3) sichtbar auch für Suchmaschinen leicht auffindbar sein soll. Stellt die erste Variante nur eine moderne Spielart des “Schwarzen Bretts” dar, so bewegt man sich bei einem im Internet öffentliche einsehbaren Blog immer im Spannungsfeld zwischen Informations- und Verschwiegenheitspflicht bzw. Interessensvertretungs- und Friedenspflicht.

    Blogs können auf Blog-Plattformen eingerichtet oder selbst installiert und gehostet werden. Das ist technisch auch im Intranet des Unternehmens möglich. Immer mehr BR-Blogs sind auf einem Server des ÖGB angesiedelt, manche durch ein Passwort geschützt, manche vor Suchmaschinen versteckt und manche auch über diesen Weg auffindbar. Wird das Blog im Internet aufgesetzt, haben Betriebsrat und Belegschaft den gewichtigen Vorteil, dass die Blogs autonom von der Netzwerkstruktur des Unternehmens betrieben werden können. Das bedeutet, das der Arbeitgeber, der in der Regel alle Kommunikationsmittel – also erst recht das Intranet – fest in seinen Händen hält, keinen direkten Einfluss mehr darauf nehmen kann, wie das Blog des Betriebsrats bespielt wird. Diese Autonomie mag einerseits für Spannungen zwischen Arbeitgeber und Betriebsrat sorgen, bietet aber einen großen strategischen Vorteil für Betriebsrat und Belegschaft, die damit einen gewissen Druck auf die Arbeitgeberseite ausüben kann.

    Auf Blogs bleiben Mitarbeiter_innen wie bereits erwähnt nicht nur passive Rezipient_innen; durch Kommentare hat man die Möglichkeit, sich selbst und die eigene Meinung einzubringen. Dabei wird die Kommentarfunktion allerdings erfahrungsgemäß eher zurückhaltend – und schon gar nicht von allen – genutzt. Funktioniert diese Kommunikationsebene also nicht?

    Tatsächlich kommen Rückmeldungen häufig mündlich, per E-Mail oder sogar Telefon und sie sind – das bestätigen bloggende Betriebsrät_innen unisono – überwiegend positiv und bisweilen begeistert. Es ist ähnlich wie beim Fernsehen, wo es die Möglichkeit der Interaktion gar nicht gibt. Kommunikation entsteht aus Anlass der Informationssendung. So wie ein kontroverses Interview oder eine interessante Nachrichtensendung im Fernsehen am nächsten Tag allerorts Diskussionen auslöst, so fördern die eingestellten Artikel im BR-Blog die Kommunikation im Betrieb sowie zwischen Belegschaft und Betriebsrat.

    Wissensmanagement, Geschichte und Identität der Belegschaft

    Mit der fortlaufenden Lebenszeit eines Blogs entsteht ein chronologisches Archiv, eine Datenbank und Geschichte. Je nach Ausrichtung des BR-Blogs findet sich hier Servicegeschichte, laufende Betriebsratsarbeit, Entwicklungen des Unternehmens oder auch die Geschichte der Belegschaft dokumentiert. Dabei wird die gezielte Auffindbarkeit einzelner Themen des Blogs durch die Beschlagwortung in Form von Kategorien gewährleistet.

    Das ist nicht nur für die Mitarbeiter_innen in einem Unternehmen wichtig (besonders in Betrieben, in denen die Fluktuation relativ hoch ist), sondern auch für neue Mitglieder des Betriebsrats hilfreich, die sich auf diese Weise schneller in betriebsspezifische Themen einarbeiten können. Informationen zu arbeitsrechtlichen Themen, zu Sozialleistungen und Ansprüchen, zu Kollektivverhandlungen oder Medienberichten über das Unternehmen sind somit abgelegt und können gezielt gesucht und aufgerufen werden, wenn Bedarf besteht.

    Die Datenbankfunktion von Blogs kann auch für Leute außerhalb des Unternehmens von Interesse sein. Viele BR-Blogs transportieren umfassende allgemeine arbeitsrechtliche Informationen und informieren beispielsweise über Novellierungen des Arbeitszeitgesetzes und deren Auswirkungen. 
So bietet beispielsweise das Blog des Manpower Betriebsrats eine gut verständliche Erörterung häufig auftretender Fragen aus der Branche der Zeitarbeit. Im BR-Blog der Medizinischen Universität Wien finden sich etwa Artikel zu Burnout- und Mobbing-Prävention sowie ein umfassendes Archiv gesundheitspolitischer Debatten der letzten Jahre. 
In anderen Blogs von Betriebsrät_innen erfährt man vom Verlauf von Kollektivvertragsverhandlungen, etwas zur Geschichte der Arbeiterbewegung, erfährt einen Hinweis auf bewegende Artikel über die Arbeitsbedingungen in anderen Standorten und Zulieferbetrieben, findet PDF’s mit arbeitsrechtlichen Musterfällen, PowerPoint Präsentationen zur Altersteilzeit, Tipps zum Datenschutz im Betrieb oder Ankündigungen für Protestkundgebungen gegen Absiedlung eines Gewinn einfahrenden Betriebs.

    All diese Informationen und Beispiele beinhalten keine Betriebsinterna oder Geschäftsgeheimnisse, sondern für die Allgemeinheit zugänglich gemachte Informationen, die von Betriebsrät_innen lediglich nach ihren Bedürfnissen und Interessen gesammelt, bearbeitet und dargestellt werden. Hinzu kommt, dass über die Kommentarfunktion der Blogs auch ein Stimmungsbild der Belegschaft eingeholt werden kann. Natürlich wird ein Blog das direkte Gespräch niemals ersetzen, aber es stellt eine gute Möglichkeit dar, um Kolleg_innen möglichst schnell und unkompliziert zu informieren.

    Das Betriebsratblog im Interessenskonflikt

    Zwischen Arbeitgeber_in und Arbeitnehmer_in besteht naturgemäß ein Interessenskonflikt. Wenn das BR-Blog die Bedingungen des Anspruchs auf Bildungskarenz behandelt oder ein Blogpost zu den gesundheitlichen Risiken von Schichtarbeit veröffentlicht, gefällt das dem Management natürlich noch weniger, als ein vom Betriebsrat organisierter Infotag zu diesen Themen im Betrieb. Nicht nur im Fall von Konflikten, sondern gerade während Arbeitskämpfen, ist die Kommunikation zwischen Betriebsrat und Belegschaft aber von zentraler Bedeutung. Da es oftmals nicht möglich ist, eine tägliche Betriebsversammlung abzuhalten, eignet sich ein Blog gerade in Konfliktzeiten und Arbeitskämpfen besonders gut, um Informationen an die Belegschaft zu bringen – und mit den Kolleg_innen zu kommunizieren. Als 2007 in Deutschland der flächendeckende Telekomstreik zehntausende Arbeitnehmer_innen betraf, wurden damals noch von einzelnen Mitarbeiter_innen schnell eingerichtete Blogs zur Koordination eingerichtet, die nach dem Ende des Streiks auch wieder vom Netz verschwanden.

    Wir verzichten nicht

    Im Mai 2009 versammelte eine Demonstration unter dem Motto «Wir verzichten nicht» gut 30.000 Menschen in Wien für einen Protestzug vom Sitz der Industriellenvereinigung zum Sitz der Wirtschaftskammer. Aufgerufen hatten die Arbeitnehmervertreter mehrerer Branchen, da die Arbeitgeber die Verhandlungen zu den Kollektivverträgen dieser Branchen blockierten. Vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise, forderten Wirtschaftkammer und Industriellenvereinigung einen “Lohnverzicht” – und das noch dazu in absoluten Billiglohnbranchen und einigen sozialpartnerschaftlichen Zugeständnissen der Arbeitgeber im Vorfeld zum Trotz. Diese Demonstration erfüllte ihren Zweck und wäre weiter nicht bemerkenswert, würde sie nicht an einer anderen Front für eine Trendwende stehen.

    In den Tagen nach der Demo erschienen zahlreiche Berichte, Fotos und Videos sowie Videomitschnitte von Reden der Gewerkschafter_innen zur Demo im Netz. Davon waren die wenigsten gewerkschaftlich zentral gesteuert. Stattdessen wurden die meisten Videos und Fotos selbstorganisiert von Demoteilnehmer_innen und Betriebsrät_innen online gestellt. Keine Woche nach der Demo waren bereits 12 Videos auf YouTube gezählt. In dem einen und anderen BR-Blog aus den Bundesländern erschienen Blogposts mit Berichten und Fotos der teilnehmenden Delegationen. Schon im Vorfeld waren Aufrufe zur Demo nicht nur auf Gewerkschafts- sondern auch BR-Blogs erschienen. Noch ein gutes Jahr davor, bei einer vergleichbaren Demo im Frühjahr 2008, hatte man mit Suchbegriffen wie «Streik», «Betriebsrat» oder «Gewerkschaft» vergeblich nach YouTube Clips gesucht. Eine Google-Suche warf gerade einmal ein paar knappe Notizen auf Webseiten von Massenmedien und Interviews der Arbeitgeberseite aus. Nach der “Wir verzichten nicht!”-Demo hatte sich dieses Bild erstmals deutlich verändert.

    Die Entstehung der Arbeitnehmer-Blogosphäre

    Obschon einzelne Blogs allein durch Eigeninitiativen entstanden sind, geht die Mehrzahl der BR-Blogs auf ein gewerkschaftliches Seminarangebot zurück. Der «Verband Österreichischer Gewerkschaftlicher Bildung» (VÖGB) und «Die Gewerkschaft der Privatangestellten, Druck, Journalismus, Papier» (GPA-djp) bieten seit 2007 und seit 2008 Blogseminare an. Während es beim VÖGB verstärkt um Web 2.0-Plattformen geht, behandeln die GPA-djp Workshops vermehrt organisatorische und rechtliche Fragen, die Problematik des Datenschutzes und konzentrieren sich auf die Entwicklung einer Kommunikationsstrategie für den Betriebsrat. Diese Entwicklungen und Themen werden immer wieder im eBetriebsrat Blog und im Bildungsblog der GPA-djp dokumentiert, zwei der ältesten Standbeine einer Arbeitnehmer-Blogosphäre. Letzteres Blog der Bildungsabteilung ist besonders bemerkenswert, hat es doch die Auslastung der Bildungsangebote vom ersten Tag an deutlich erhöht. Nach drei Jahren Laufzeit steht das Blog bei rund 600 E-Mail-Abonnent_innen, die das Service aus Workshop-Ausschreibungen, weiterführenden Schulungsmaterialien, Buchempfehlungen gemischt mit diversen anderen gewerkschaftlichen Informationen schätzen.

    Das «Daten im Betrieb» Blog dokumentiert seit zwei Jahren Fälle von Mitarbeiterüberwachung wie auch den Datensammelwahn mancher Unternehmen. Das Arbeit&Technik Blog diskutiert diese Entwicklungen und die Auswirkungen neuer Technologien auf die Arbeitswelt aus der Sicht der Gewerkschaft. Jeweils untereinander und mit den ersten BR-Blogs vernetzt, bildete sich so der erste Cluster an Blogs, die spezifisch die Sicht und Themen der Arbeitnehmerseite widerspiegeln.

    2009 wuchs diese Blogosphäre kontinuierlich weiter, unterstützt durch die Entwicklung des Blogaggregators «gegen|öffentlichkeit2.o», über den die Blogartikel von immer mehr bloggenden Betriebsrät_innen, gewerkschaftlichen Blogs, linken Initiativen und kritischer Vertreter_innen der Zivilgesellschaft in einer Darstellung zusammen gefasst werden. Der bisher letzte Höhepunkt der Blogoffensive der GPA-djp fand im Mai 2010 mit der Veranstaltung «Web 2.0 und Soziale Medien – eine Orientierung» statt. Im Zuge dieser Veranstaltung wurde auch die “Seite 2.0” der GPA-djp-Website präsentiert: ein vollständig durch aggregierte Feeds aufgebautes Mashup, das die Aktivitäten auf gewerkschaftlichen und BR-Blogs ebenso wie von zivilgesellschaftlichen Seiten immer tagesaktuell anzeigt; das alles im Verbund mit weiteren Online-Aktivitäten wie beispielsweise Presseaussendungen, YouTube Clips und Flickr Bildern einer Gewerkschaft.

    Zusammenfassung

    In den letzten drei Jahren sind erste Schritte in die Richtung unternommen worden, die Onlinewelt nicht nur den Arbeitgebern und ihrer Darstellung der Welt zu überlassen. Schrittweise entdecken Betriebsräte, Gewerkschaften und Aktivist_innen, dass das Internet Möglichkeiten bietet, die den Kampf für die Interessen der Lohnabhängigen unterstützen, erleichtern und vorwärts bringen können. Gerade Blogs, weil einfach zu bedienen und ein hohes Maß an Autonomie mit sich bringend, helfen dem Wissensmanagement, der Vernetzung und der Kommunikation von Betriebsräten, Belegschaften und Gewerkschaften. Der Aufbau einer Arbeitnehmer_innen-Blogosphäre macht Hoffnung auf eine Stärkung von Gegenöffentlichkeit und Gegenmacht in einer stark von Unternehmensinteressen dominierten Welt.

    • Mach die Arbeit des BR sichtbar! Du kannst ruhig auch einmal die Tagesordnung einer BR-Sitzung posten. Du wirst sehen, dass Mitarbeiter_innen wegen einzelner Punkte bei dir nachfragen – und das Interesse an der Tätigkeit des BR zunimmt.
    • Ermögliche Partizipation, lade zum Kommentieren ein, biete Kolleginnen und Kollegen an, Gastbeiträge beizusteuern. Frag herum, welche Informationen gerne im Blog gesehen würden.
    • Nutze die Informationen, Angebote und Aktionen von Arbeiterkammern und Gewerkschaften. Hier kannst du unkompliziert wertvolle Beiträge, Dokumente und Videos zu deinen Themen übernehmen.
    • Achte darauf, dass deine Angebote leicht abonnierbar sind und überlege laufend, wie du Abonnent_innen gewinnen kannst. Der BR sollte keine E-Mail-Aussendung ohne Hinweis auf seine Angebote im WWW aussenden.
    • Kombiniere das Blog mit anderen Medien wie zum Beispiel der BR-Zeitung. Binde Fotos von Betriebsausflügen ein, aber achte die Persönlichkeitsrechte deiner Kolleg_innen.
    • Das Blog muss nicht auf im engsten Sinn “Betriebsrelevantes” beschränkt sein. Mehr Horizont bedeutet mehr politische Bildung und zusätzliche politische Bedeutung bedeutet mehr Identifikation und Organisationskraft. Du kannst ruhig auf interessante Medienberichte hinweisen.
    • Das BR-Blog ist kein Ort, sich mit deinem Gegenüber im Management zu duellieren oder Rechnungen zu begleichen. Dokumentiere Medienberichte zum Unternehmen und zur Branche, aber erkläre nicht selbst, wie es um das Unternehmen steht. Stell’ nichts Vertrauliches online, sondern behandle Themen allgemein. Sprich also beispielsweise keinen konkreten Mobbingfall an, sondern stelle stattdessen Informationen und Links zum Thema online.
    • Nur trockene Texte ohne Links und Kommentarmöglichkeit interessieren niemanden und senden das falsche Signal aus, nämlich nicht an Kommunikation interessiert zu sein. Eine Blogroll zu anderen Blogs ist ein Mindeststandard an Höflichkeit, es können ruhig BR-Blogs und gewerkschaftlichen Blogs darunter sein.